Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

敗退 (Haitai) – Dekadenz

Bernhard ist heute überaus gut aufgelegt. Seine Laune ist geradezu euphorisch. Immer wieder macht er mir Komplimente, versucht sogar, mit mir zu flirten. Ich halte mich zurück. Ich fühle mich geschmeichelt, aber gleichzeitig auch etwas überfordert ob dieser Offenherzigkeit.

Die Landschaft, durch die wir wandern, wird karger. Bernhard erzählt mir auf dem Weg, wie er, nachdem er, wie auch ich es erlebt habe, durch eine unsichtbare und uns bis heute nicht näher bekannten Kraft aus der Pyramide in Visoko ins Nichts gezogen wurde. Er hatte sich vorgestellt, dass es doch schön sein müsste, einmal auf dem Mond zu sein. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Dummerweise, so erzählt er, gibt es auf dem Erdtrabanten keine Luft, die wir Menschen atmen können. Zum Glück hatte Dr. Krebs ihn gefunden und sein Leben gerettet.

“Nun aber genug von mir, wie ist es Euch ergangen, seit unsere Wege sich getrennt haben?”, fragt er nachdem er seine Geschichte erzählt hat.
“Es gibt eigentlich nichts von Bedeutung”, lüge ich, doch ich kann Bernhard nichts vormachen.
“Das glaube ich dir nicht”, sagt er, “man landet nicht einfach so in der Bibliothek zu Babel.”
Ich hülle mich in Schweigen. Vielleicht würde es mir gut tun, zu reden, aber Bernhard ist nicht der Richtige dafür.

Er versucht mich aufzumuntern, erzählt mir von Drinen, der Stadt, die heute unser Ziel ist. Die Menschen dort wüssten, wie man feiert und das Leben genießt, sagt er.
“Es wird Euch dort gefallen. Ihr solltet Euch mal wieder entspannen, auf andere Gedanken kommen und Eure Trübsinnigkeit hinter Euch lassen.”

Am späten Nachmittag ist aus der Ferne fremdartige Flötenmusik zu vernehmen.
“Wir sind bald da”, meint Bernhard voller Vorfreude und beginnt sich im Takt der Musik weiter vorwärts zu bewegen. Er versucht auch mich zum Tanzen zu animieren. Erfolglos. Mir steht der Sinn rein gar nicht nach Tanz.

Nach einer Weile kommt in der Wüste eine Stadt aus Sandstein in Sicht. Auffällig ist das blaue Tor, durch das die Menschen ins Stadtinnere strömen. Bernhards Schritt wird schneller. Ich habe meine liebe Mühe, mit ihm mitzuhalten. Vor dem Stadttor bleibe ich stehen. Es ist mit gelben Gravuren und Malereien versehen, Symbole und Zeichen, die ich nicht kenne, deren Anblick mich aber tief in meinem Innern erschauern lässt. Bernhard hat das Tor bereits passiert. Ich zögere noch.

“Was ist?”, fragt Bernhard erwartungsvoll.
“Nichts”, erwidere ich, fasse mir ein Herz und durchschreite das Stadttor nach Drinen. Ich bin vermutlich gerade nur etwas paranoid.
“Wisst Ihr, dass es hier in der Nähe noch einen sehr interessanten Ort gibt?”, fragt Bernhard Ohne eine Antwort abzuwarten erzählt er mir von einem Ort, der das Grabmal des Neb genannt wird. Neb war ein Priester einer Gottheit mit dem Namen Mnock oder so ähnlich, der aus dem Himmel fiel. Er war gekommen, um die Großen Alten zu entmachten, heißt es. Bernhard erzählt noch mehr, aber ich kann ihm nicht wirklich zuhören. Ich bin nervös. Dieser Ort ruft unangenehme Erinnerungen und Gefühle in mir wach. Unruhig blicke ich zurück. Ich kann das Stadttor noch sehen, aber die Straßen hinter mir sind voll mit Menschen, die sich wie vom Teufel selbst getrieben in Trance tanzen.

Jemand ergreift sanft meine Schulter. “Hey, entspann dich”, meint Bernhard in einem plötzlich ungewöhnlich vertrauensvollen Ton, “amüsier dich mit mir. Es gibt hier fantastische Vergnügungsmöglichkeiten.”

Die Musik wird lauter und treibender. Zu den Flöten gesellen sich nun auch Trommeln. Betörende Gerüche erfüllen die Luft. Die Menschen lassen sich treiben, geben sich hemmungslos ihren Gelüsten hin und zelebrieren die Dekadenz. Alle Masken fallen und ich spüre, wie auch mein Blut langsam in Wallung gerät. Das alles erinnert mich sehr an eine Begebenheit, die sich kürzlich in einem namenlosen pariser Nachtklub ereignete.
Ich muss hier weg. Ich gehöre nicht hierher!
Nervös schaue mich nach Bernhard um, doch ich sehe ihn nicht. Ein gutaussehender, athletisch gebauter Gentleman macht mir offen seine Aufwartung. Diese Stimme, diese Ausstrahlung, seine Art, sich zu bewegen und zu reden… die Ähnlichkeit ist frappierend…
‘Das ist ein Trick’, denke ich bei mir, ‘die Stadt kennt meine Sehnsüchte. Sie versucht mich zu ködern.’
Ich wende mich ab, aber an jeder Straßenecke locken neue Verführungen.
Suchend schaue ich mich nach dem blauen Stadttor um. Ich kann es nicht sehen, aber ich glaube die Richtung zu kennen, aus der ich mit Bernhard gekommen bin.

Es ist keine leichte Aufgabe, meinen Weg durch die Massen bebender und schwitzender Leiber zu finden. An diesem Gebäude komme ich jetzt schon zum dritten Mal vorbei. Je weiter die Nacht fortschreitet, desto mehr verwandelt sich die Stadt in einen Tempel der Ruchlosigkeit. Meine Nervosität ist inzwischen einer ausgewachsenen Panik gewichen. Ich habe mich hoffnungslos verlaufen und ich weiß beim besten Willen nicht, wo ich bin.
Für einen kurzen Moment kommt mir der Gedanke, mich dem Treiben einfach hinzugeben, statt mich dagegen zu wehren, doch ich spüre, dass das vermutlich keine gute Idee ist. Eine Stadt in der Wüste, das Flötenspiel, die hemmungslosen Huldigungen der Dekadenz – ich komme nicht um das Gefühl umhin, dass dieser Ort von einer Macht erfüllt ist, die ich nur allzu gut kenne.

‘Halte dich fern vom König in Gelb und seinen Schergen’, erinnere ich mich an die Warnung meiner Göttin. Ich laufe, laufe ziellos durch die lusterfüllten Menschenmassen und versuche weiter, den Ausgang zu finden. Es ist hoffnungslos. Meine Kraft lässt nach. Ich spüre, wie etwas in mir versucht, diesem Alptraum zu entfliehen. Ich laufe ernsthaft Gefahr, aufzuwachen, wenn ich so weiter mache.
‘Beruhige dich, Okumura’, rede ich mir gut zu, ‘atme. Atme und sei dir bewusst, dass du es bist, der atmet.’
Es fällt mir nicht leicht, aber irgendwann gelingt es mir, mich zu beruhigen und wieder etwas klarer zu denken. Ich bin zwar nicht mehr panisch, aber das ungute Gefühl und mein Drang, mich aus dieser Stadt zu entfernen, sind nach wie vor da.

Ich halte Ausschau nach Bernhard. Jemanden zu fragen, ob man ihn gesehen hat, ist wenig hilfreich. Die Menschen sind zu sehr mit sich selbst und ihren Gelüsten beschäftigt und lassen sich in ihrem Rausch durch nichts stören. An einem Brunnen irgendwo in der Stadt, entdecke ich ihn schließlich. Er sitzt nachdenklich auf einer Bank, völlig unberührt von den ruchlosen Auswüchsen um sich herum. Sein sauberer, blauer Anzug fällt mir direkt ins Auge, als ich den Platz betrete. Ich gehe auf ihn zu. Er lächelt, als er mich bemerkt.
“Es tut mir leid, dass ich einfach so verschwunden bin”, entschuldige ich mich, “ich fühle mich hier nicht wohl. Können wir die Stadt bitte verlassen?”, flehe ich.
“Wir können es versuchen”, meint Bernhard mit ernstem Gesichtsausdruck.
Er legt einen seiner Arme um meine Schultern und macht mit dem anderen eine leicht kreisende Bewegung nach vorne. Die Menschenmassen vor ihm teilen sich und machen uns den Weg frei. Unbehelligt gelangen wir zum Stadttor und passieren es.

“Du hast mich mit deinen Komplimenten heute etwas überfordert”, gestehe ich Bernhard, nachdem wir zwischen uns und die Stadt einige Distanz gebracht haben. Bernhard sieht mich fragend an.
“Ich fühle mich geschmeichelt und ich kann dich auch gut leiden, aber mein Herz ist verwirrt und ich weiß im Moment nicht, was ich will”, erkläre ich. 
“Das habe ich bemerkt”, antwortet Bernhard verständnisvoll, “vielleicht brauchst du eine Therapie.”
“Gut möglich”, pflichte ich ihm bei, “kennst du hier einen guten Therapeuten?”
“In den Traumlanden? Nein. Das ist kein guter Ort dafür. Im Gegenteil. Sie bergen eher Gefahren für die geistige Gesundheit.”
“Das ist mir auch gerade klar geworden”, antworte ich.
“Das ist der Weg in die Südlande”, meint Bernhard, “ich kann dir nicht versprechen, dass es leichter wird.”
Nachdenklich schaue ich in die nächtliche Wüste.
“Du möchtest jetzt bestimmt erstmal nach Hause, oder?”
Nach Hause… Ja, das wäre schön, aber im Moment ist das nicht wirklich möglich.
“Ich werde zurück nach Ulthar gehen”, antworte ich. Vielleicht haben meine Freunde ja inzwischen etwas herausfinden können, dass mir weiterhilft.
Bernhard nickt.
“Alles Gute”, wünscht er mir, bevor sich seine Gestalt in Nichts auflöst.