Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

知恵 (Chie) – Einsichten

Mycroft macht einen erschöpften Eindruck. Die Studien des Buch Tsathoggua haben ihn sichtbar mitgenommen. Viel Schlaf dürfte er in der letzten Nacht auch nicht bekommen haben. Tamino ist ein Frühaufsteher und besteht auf seine tägliche Aufmerksamkeit.
“Ich habe gestern diesen Typen wieder gesehen”, erzähle ich, “den, der dein Gesicht trägt.” Die Anspannung, die diese Information bei meinem Freund auslöst, ist nicht zu übersehen.
“Er war nicht allein”, berichte ich weiter, “diese Frau, die dich in diesem Nachtclub in Paris so bedrängt hat, Cassilda, sie war bei ihm.”
“Cassilda…”, murmelt er angewidert. Wie ich versteht auch er das Auftauchen des Doppelgängers als eine Drohung des König in Gelb, der ihn drängt, seiner Aufgabe nachzukommen.
“Die drei Weisen haben mir auch geraten, zur Bibliothek zu reisen, wenn ich einen Weg finden will, das Gelbe Zeichen loszuwerden”, meint er nachdenklich.
“Wenn du mir noch ein paar Tage Zeit gibst, mich zu erholen, würde ich dich begleiten”, sage ich.
Mycroft schweigt.
“Es sei denn, du willst das allein erledigen.”
“Nein, das ist es nicht. Bist du wirklich sicher, dass du das willst?”
Er macht sich Sorgen um mein Wohlbefinden, will mich keiner unnötigen Gefahr aussetzen.
“Du hast mir auch geholfen, Shinyū-o”, antworte ich entschlossen, was jeden weiteren Einwand seinerseits überflüssig macht.

Den Vormittag verbringen wir in der Bibliothek. Wir suchen nach Hinweisen zu den Zaubersprüchen, die der Rote Magier dem Lord verraten hatte. Einer dieser Zauber heißt “Astrale Pfade reinigen”. Uns allen scheint dieser dem Namen nach am sinnvollsten. Wir werden fündig und erfahren, dass es ein Ritual ist, für das drei Zutaten benötigt werden: ein schwarzes Granulat, drei verschiedene Arten von Pilzen und es muss eine Schutzrobe getragen werden. Es sollte uns möglich sein, diese Zutaten zu beschaffen, doch fehlt uns noch das Rezept, die Anleitung zur Ausführung des Rituals, die man vermutlich nur in okkulten Büchern findet.

Nach der Therapiesitzung mit Dr. Nidelven ziehe ich mich mit Mycroft zusammen in den Innenhof zurück. Wir sind beide sehr gut in Form und fordern uns gegenseitig, was diesem Übungskampf einen besonderen Reiz gibt. Letztlich muss ich mich geschlagen geben, als nach etwa zwei Stunden meine Kondition deutlich nachzulassen beginnt. Dennoch, das Training war überaus erfüllend. Auch Mycroft ist guter Dinge.

Am Abend sitzen wir zusammen und ich tausche mich mit Mare philosophisch über die spirituellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Kern unserer Kulturen aus. Später, als ihre Zunge vom Gin schon etwas gelöster ist, gesteht sie mir, dass sie, als ich damals vor fast drei Jahren das erste Mal an Bord der Almina kam – sie selbst tarnte sich damals noch als Junge – heimlich für mich geschwärmt hätte.
Ich bin überrascht ob dieser Offenheit, fühle mich aber zugegeben ziemlich geschmeichelt.
“Hast du mich deswegen am Wildenberg geküsst?”, frage ich.
“Da hab ich dich geküsst?”, fragt sie irritiert. Der Lord, der grinsend daneben sitzt, weiß genau, worauf ich anspiele, und dann fällt es auch Mare ein. “Das war doch gar nicht so”, stammelt sie, “das war doch nur Tarnung und zur Ablenkung wegen der Polizisten.”
“Du hattest mich aber nicht vorgewarnt, hast mich eiskalt erwischt”, erkläre ich ruhig. Die Situation damals war überaus grotesk. Ich wundere mich, dass ich einfach so über diese Dinge reden kann, ohne dass es Beklemmung in mir auslöst. Die Therapie von Dr. Nidelven zeigt offenbar Wirkung.