Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

買物 (Kaimono) – Einkauf

Wieder eine traumlose Nacht. Obwohl ich mir gestern die Münze mit der leichten Seite nach unten auf meine Zunge gelegt habe, hat sie mich nicht in die Traumlande geführt und nichts weiter als diesen ekeligen, metallischen Geschmack in meinem Mund zurück gelassen. Ich halte die Münze zwischen meinen Fingern und betrachte sie nachdenklich. Es war nicht nur die falsche Seite, es fehlt noch etwas anderes, sagt mir mein Bauchgefühl.

Mary-Ann fliegt direkt nach dem Frühstück zurück nach England. Sie sagt, sie müsse noch ein paar Vorbereitungen treffen, damit sie die Prüfung zur Wiederherstellung ihrer Apothekereignung erfolgreich besteht. Mare erscheint nicht zum Frühstück. Als sie auch noch nicht aufgetaucht ist, als wir das Frühstück bereits beendet haben, beginnen wir uns Sorgen zu machen und sehen nach der jungen Dame.

Wir finden sie in ihrem Bett und sie schläft sehr tief. Wir sprechen sie an, zunächst vorsichtig und leise, dann lauter, versuchen sie wachzurütteln, aber nichts hilft. Sie wacht nicht auf, erlebt aber offenbar intensive Träume. Die Augen unter ihren Lidern bewegen sich schnell und heftig. Mycroft kommt schließlich auf die Idee, in ihrem Mund nachzusehen und die Münze auf Mares Zunge umzudrehen. Kaum hat Mycroft seine Idee in die Tag umgesetzt, tut Mare einen tiefen und geräuschvollen Atemzug, schlägt die Augen auf und spukt die Münze in einem hohen Bogen in Richtung Mycrofts Stirn, doch der fängt sie ohne mit der Wimper zu zucken im Fluge mit nur einer Hand auf und gibt sie Mare zurück. Mare ist ziemlich schlecht gelaunt. Sie beschwert sich über den ekelhaften Geschmack auf ihrer Zunge und bittet uns dann harsch und bestimmt, ihr Zimmer zu verlassen.
“Alle raus hier”, murrt sie, “ich will mich anziehen!”

Mycroft und der Lord beginnen, die Kisten mit den Funden aus dem alchemistischen Labor zu verladen. Sie wollen heute nach London fliegen und die Fundstücke ins British Museum zur Konservierung und Archivierung, bringen. Bevor sie aufbrechen, erscheint Mare, füllt sich eine Tasse schwarzen Tee ein und trinkt erstmal schweigend ihr präferiertes Morgengebräu. Langsam erwachen die Lebensgeister in ihr wieder und sie wird auch etwas gesprächiger. Sie erzählt, dass sie geträumt hat und in der Bibliothek von Ulthar erfahren habe, dass die Münze, bevor man sie benutzen kann, zuerst magisch aufgeladen werden müsse, allerdings kann sie uns nicht sagen, wie das von Statten gehen soll. Wir müssen dorthin gehen, wo wir die Münzen gefunden haben, sagt sie.

Der Lord und Mycroft brechen nun auf, um mit der wertvollen Fracht nach London zu fliegen, Henry möchte mit dem Küster der nahegelegenen Stadt Coutance sprechen und ein paar Geschäfte aufsuchen, die sein Interesse geweckt haben. Carla möchte sich ihm anschließen. Ich stelle mich als Geleitschutz zur Verfügung und steuere den Peugeot 153 in die nordfranzösische Küstenstadt.

Henry sucht zunächst den Küster auf. Er hat um 11 einen Termin mit dem Herrn vereinbart. Bevor Henry mich vorstellen kann, gebe ich mich als Herr Satō aus Osaka aus, Geschichtswissenschaftler, derzeit wegen einer internationalen Historikerkonferenz zu Besuch in Europa. Henry erbittet Einsicht in das Kirchenarchiv, was ihm auch gewährt wird.

Er ist in seinem Element. Mein Interesse an den Büchern hält sich eher in Grenzen. Ich blättere durch ein paar Folianten, doch meine Aufmerksamkeit richtet sich eigentlich nach außen. Ich behalte unsere Umgebung im Blick, stets darauf gefasst, dass irgendetwas passieren könnte. Ich habe meine Schwerter im Auto gelassen. Sie erschienen mir zu auffällig und auch ohne Waffen bin ich in der Lage, meine Gegner außer Gefecht zu setzen oder gar zu töten. Dennoch trage ich zur Sicherheit unter meinem Hakama verborgen meine beiden Webley & Scott Pistolen und bin bereit, im Zweifelsfall schnell zu reagieren. Der Küster mag zwar nur wie ein harmloser Kirchendiener erscheinen, doch ich habe schon zu viel erlebt, um mich allein auf meine äußeren Sinne zu verlassen. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Letztlich ist das Christentum auch nicht viel mehr als ein okkulter Bund und wer weiß, wem sie in Wahrheit heimlich dienen, ohne dass die Mitläufer dieses Kultes davon wüssten. Von Anfang an war mir der Ritus, das Blut ihres angeblichen Erlösers zu trinken und von seinem Leib zu speisen (sie nennen dieses kannibalistische Ritual bezeichnender Weise „Das heilige Abendmahl“) überaus suspekt.

Bevor wir das Archiv und die Kirche wieder verlassen, stellen wir dem Küster noch einige Fragen, die er aber nur bedingt zufriedenstellend beantworten kann. Offenbar ist ihm nichts davon bekannt, dass im Untergrund der Normandie eine alte Festung, vermutlich der Templer, verborgen liegt, oder er will es uns nicht verraten. Auf unsere Frage nach alten Kulten, Naturreligionen und Geisterglauben in dieser Gegend, bevor das Christentum hier die Herrschaft übernahm, verweist er uns nach Westen zu den Bretonen. Dort gäbe es immer noch Orte, an denen alte heidnische Rituale gepflegt würden, berichtet er mit deutlichem Missfallen.

Im Anschluss machen wir uns auf den Weg in einen Geschäft, auf dessen Schild die Aufschrift „Antiquel“ zu lesen ist. Es handelt sich dabei um einen Kramladen für altes Zeug. Gut möglich, dass wir hier etwas Spannendes finden. Tatsächlich stoße ich in dem Laden auf eine interessante Kiste voller alter Bücher. Sie ist offenbar von London aus hierher verschifft worden, wenn man dem Adresslabel, mit dem das Frachtgut noch versehen ist, Glauben schenken möchte.

„Henry, das hier könnte dich interessieren“, vermute ich und werde in dieser Vermutung bestätigt. Der Händler erzählt uns, dass diese Kiste ein nicht verkauftes Stück aus einer Auktion sei, die in London stattgefunden hätte. In dem Moment, in dem er dies äußert, scheint er dieses Geständnis auch schon zu bereuen. Jeder weiß, dass Dinge, die bei Auktionen nicht unter dem Hammer gekommen sind, üblicherweise für sehr viel günstiger als zu ihrem Marktpreis abgegeben werden. Henry beginnt zu verhandeln. Schließlich einigt er sich mit dem Händler auf eine Summe von umgerechnet 14 Pfund – ein immer noch recht stattlicher Preis, bei dem er einen guten Gewinn machen sollte. Henry wirft mir einen kurzen Blick zu, ich nicke, zücke meine Geldbörse und bezahle den vereinbarten Preis in bar.

Carla hat beim Stöbern eine Kralle gefunden, eine der gleichen Art, wie wir sie in dem Beutel mit den Traumland-Münzen gefunden haben. Sie fragt den Händler nach dem Preis. Er verlangt umgerechnet 50 Pfund dafür. Die Frage, was denn so besonders an dieser Kralle sei, dass einen derart hohen Preis rechtfertige, kann oder will er uns nicht beantworten, er weicht aber auch keinen Cent von seinem Angebot ab.

Carla bittet um die Erlaubnis, das Telefon des Ladens zu benutzen, was ihr gewährt wird. Sie ruft auf Chat Noir an und bittet Babette, den Knecht Hugo mit einem Lastwagen vorbei zu schicken, um die Bücherkiste abzuholen.

Unser Weg führt uns weiter in eine Geographieladen, den Henry bei seinem Besuch in Coutance vor ein paar Tagen ebenfalls entdeckt hat. Dort entdeckt er eine interessante Landkarte. Sie ist nicht beschriftet und die aufgezeigten Landmassen erinnern nicht im entferntesten an die Aufteilung der Kontinente auf unserem Planeten, aber ich erkenne sofort, welche Länder hier dargestellt sind. Ich habe eine ähnliche Karte bereits in der Bibliothek von Ulthar gesehen.
„Das ist eine Karte von den Traumlanden“, flüstere ich Henry zu.

Der Händler will uns die Karte zunächst für zehn Franc – das entspricht zur Zeit etwas drei Pfund – verkaufen, doch dann scheint er sich an etwas zu erinnern (vielleicht hat er auch mein starkes persönliches Interesse an dieser Karte bemerkt) und verzehnfacht auf einmal den Preis.

Unsere Frage, warum die Karte auf einmal ein vielfaches von seinem ursprünglichen Angebot wert sein soll, beantwortet er damit, dass diese Karte ein Geheimnis berge. Henry legt sein schottisches Verhandlungsgeschick an den Tag und bringt den Händler schließlich dazu, uns die Karte samt ihres Geheimnisses für umgerechnet 20 Pfund abzugeben. Nachdem wir zustimmen, erzählt er uns, dass die Karte vom Vorbesitzer des Geschäftes, ein gewisser Monsieur Malique, ein ehemaliger Kartograph des französischen Militärs, selbst gezeichnet wurde, er sei aber darüber dem Wahnsinn verfallen und habe inzwischen das Zeitliche gesegnet. Ein Traumreisender also, wie ich. Es wäre interessant, ihn zu treffen und sich mit ihm auszutauschen. Ich schließe nicht aus, dass er, auch wenn er die irdische Existenzebene verlassen hat, in den Traumlanden noch immer bei klarem Bewusstsein besteht.

‚Aus den Tiefen der Erde kommen Träume heraus, giftige Küsse, sie löschen dich aus‘, hallt es in meinem Geist wieder. Erinnerungen an meinen längeren Aufenthalt und meine Reisen durch die Traumlande werden wach. Vielleicht hatte Monsieur Malique sich nach Drinen verirrt und ist darüber wahnsinnig geworden oder ein anderer, weniger freundlicher Ort als die Heimat der Katzen, hat ihm den Verstand geraubt.

„Vielen Dank“, sage ich zu dem Händler, zahle die vereinbarte Summe und nehme die Karte an mich.

Weiter geht es in einen Buchladen. Dort entdecken wir eine etwa 400 Jahre alte Karte von Skandinavien. Wir alle drei sind uns einig, dass dies ein gutes Geschenk für unseren Senchō Ragnar wäre, doch der Händler hat die Karte erst frisch herein bekommen und sagt, er müsse ich erst mit seinem Miteigentümer besprechen, bevor er einen Preis nennen könne. Weiteres, das für uns von Interesse wäre, birgt das Geschäft auf den ersten Blick nicht.

Nachdem wir noch ein Anglergeschäft aufsuchen und zwei Wurfnetze aus Hanf erwerben – Henry hatte die Idee, den Ulms dort unten in der alten Wehranlage damit eine Falle zu stellen – machen wir uns auf den Weg zurück nach Marigny. Um acht kommen wir dort an. Babette bereitet bereits das Abendessen vor. Eine Stunde später treffen Mycroft und der Lord auf Carlas Anwesen ein. Sie haben die Pergamente erfolgreich überführt und in vertrauensvolle Hände übergeben.

Wir berichten unsererseits von unserem Tag und zeigen unsere Kaufausbeute. Henry hat inzwischen die Bücherkiste gesichtet. Eines der Werke ist für ihn von besonderem Interesse. Es trägt den Titel „Commentarius de Bello Anglicum“ – Kommentare zum Krieg der Himmel. Dieses Buch „Bello Anglicum“ soll von einem Mönch geschrieben worden sein, der dem Wahnsinn verfiel und es vergrub. Ausgegraben wurde es dann wiederum von einem gewissen Francoise de Salles, ein Archäologe unserer Zeit, der die Kommentare zu diesem alten Werk verfasst hat. Ich frage mich, wie es nun um dessen Seelenheil bestellt sein möge, denn vermutlich hat er das ursprüngliche Werk gelesen, um seine Kommentare dazu zu verfassen.

Mycroft schlägt vor, die Nacht im Ritualraum in der unterirdischen Festung zu verbringen, um dort die Münzen aufzuladen. Wir haben noch immer keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen, aber er ist zuversichtlich, dass uns das Richtige zur rechten Zeit einfallen wird. Irgendwie war es bis jetzt immer so, dass uns – egal, in welche Schwierigkeiten wir uns gebracht haben, selbst in ausweglosen Situationen – sich irgendwie alles stets zum Guten wendete – mehr oder weniger zumindest. Henry bringt bei dieser Gelegenheit seine Idee, den Ulms eine Falle zu stellen, zur Sprache. Bei der Erwähnung der Ulms wird Mycroft wieder sehr nachdenklich. Die Ulms – er meint sie zu kennen, aber auch nicht wirklich. Er kann selbst nicht so genau sagen, was es ist, an das er sich da dumpf erinnert, aber es verwirrt ihn ungemein. Wir beschließen, da es heute schon recht spät ist und wir alle einen anstrengenden Tag hinter uns haben, die Übernachtung im Ritualraum auf später zu verschieben.

Bevor ich heute zu Bett gehe, nehme ich mir fest vor, in die Traumlande zu reisen. Ich lege mich mit der Schutzrobe bekleidet und dem Älteren Zeichen angelegt in mein Bett. In meiner linken Hand halte ich die Münze, in meinem rechten Arm die frisch erworbene Traumlandkarte. Bevor ich in den Schlaf sinke, überlege ich mir noch einmal genau, welche Fragen ich hoffe in den Traumlanden beantwortet zu finden:

Was hat es mit der silbernen Münze und der Kralle auf sich?
Wie funktioniert das mit der Aufladung der kupfernen Münzen?
Monsieur Malique, der Traumreisende, kennt man ihn in den Traumlanden?
Die Katzenmatriarchin von Celephais – wie komme ich zu ihr?

Diese Fragen in meinem Geist formend entgleite ich in die Welt des Schlafes.