Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

平常 (Heijō) – Alltag

Ich schlafe heute lange. Dr. Krebs scheint sich tatsächlich vorerst zurückgezogen zu haben und auch die Hexe hat mich in der letzten Nacht nicht gequält. Ich fühle mich an diesem Morgen richtig gut, doch ich weiß, dass das kein Dauerzustand bleiben wird. Um halb zehn stehe ich nach dem morgendlichen Reinigungsritual in meinem Dōjō. Die Strahlen der Frühlingssonne malen freundliche Bilder auf die Tatami auf dem Boden. Mein Atem und mein Ki fließen wieder, nicht so frei, wie ich es gewohnt bin, aber immerhin. Ich bin wieder in der Lage, diese Aspekte in mir bewusst wahrzunehmen und allein das betrachte ich schon als Fortschritt.

Ich arbeite etwa eine Stunde lang aktiv auf dem Schwertweg an der Überwindung meiner Blockaden. Direkt nach dem Frühstück lege ich eine weitere erfolgreiche Trainingseinheit ein. Meine Motivation und meine Zuversicht auf Heilung gewinnen mehr und mehr die Oberhand in meinem Wesen zurück. Das ist gut so. Um die Mittagszeit gönne ich mir etwas Ruhe und meditiere in meinem Schrein. Als ich nach einer Stunde aus meinem Heiligtum zurück in die Wohnräume meines Hauses komme, hat Amanda bereits das Mittagessen vorbereitet. Sie teilt mir mit, dass Mr. Winterbottom angerufen hätte. Ich bedanke mich für die Information und widme mich dem Essen, das heute besonders gut schmeckt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Amanda sich in ihren Kochkünsten selbst übertroffen hat oder einfach daran, dass ich das erste Mal seit langem wieder richtigen Appetit verspüre.

Nach dem Essen rufe ich auf Highclere Castle an. doch Mycroft ist nicht da.
“Soll ich etwas ausrichten?”, fragt Butler James am anderen Ende der Leitung.
“Sagen Sie ihm bitte, dass ich angerufen habe”, bitte ich, was man mir zusichert.

Den Nachmittag beginne ich mit einem Spaziergang. Es ist ein herrlicher Frühlingstag, noch etwas kühl, doch die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Vom nahezu wolkenlosen Himmel herab sendet sie ihre wärmenden Strahlen zur Erde, wo sie meine gequälte Seele liebkosen und umarmen. Mein Weg führt mich zum Shawfords Lake, der eigentlich mehr ein natürlich aufgestauter Bach als ein wirklicher See ist. Die Vögel zwitschern in den Bäumen und buhlen wie verrückt um die Gunst der Weibchen – die perfekte Umgebung für entspannte Ki- und Körperarbeit.

Als ich zurück nach Hause komme, begegne ich meinem Nachbarn William Harrington. Er befragt mich nach dem seltsamen Lichtstrahl, der vor etwas mehr als einer Woche hier beobachtet wurde.
“Ich  habe davon gehört und ich  wünschte, ich wüßte selbst, was da passiert ist”, antworte ich, “aber ich bin erst einen Tag nach diesem Ereignis von einer Geschäftsreise aus dem Ausland zurückgekehrt.”
William scheint mir diese Aussage abzunehmen, aber er gibt sich weiter besorgt, fragt, ob irgendwelche Schäden bei mir entstanden sind, was ich verneine. Ich bin ganz froh, als William sich schließlich verabschiedet. Es ist Tea-Time.

Diese gönne ich auch mir – nicht mit schwarzem, sondern mit grünem Tee auf meiner Terasse im Licht der sich langsam dem Horizont zuneigenden Frühlingssonne. Das Telefon klingelt. Amanda richtet mir aus, dass Mr. Winterbottom mich zu sprechen wünsche. Mit Freuden nehme ich den Anruf entgegen. Mycroft erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Es bessert sich, berichte ich, und dass die Ruhe und relative Abgeschiedenheit meines Anwesens mir gerade sehr gut tun. Er berichtet, dass die Junkers F13a des Lords heute erfolgreich ihren Jungfernflug absolviert hat und fragt mich, ob ich bei meinen Plänen bleibe und morgen nach Highclere Castle zurückkomme.
“Ich werde morgen direkt nach dem Frühstück hier aufbrechen”, erkläre ich.