Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

地下の堡塞 (Chika no hosai) – Die unterirdische Festung

Mycroft erlegt auf dem Weg zum Frühstück im Wohnhaus einen Hasen. Carla und Babette protestieren lautstark gegen seine Pläne, das Tier im Wohnzimmer zu zerlegen und zu entweiden. Grinsend zieht Mycroft das Tier, dass er bereits direkt nachdem er es erlegt hatte, an Ort und Stelle gehäutet und seiner Eingeweide entledigt hatte, aus seinem Beutel und übergibt es Babette mit der Bitte, daraus etwas Schmackhaftes zu bereiten.Nach der morgendlichen Stärkung überprüfen wir noch einmal unsere Ausrüstung und machen uns auf den Weg zur weiteren Erkundung der unterirdischen Gefilde unter Carlas Weinkeller.

Als wir an den Punkt zurückkehren, an dem wir gestern unsere Expedition unterbrochen haben, stellen wir fest, dass die Fußtapsen, die wir gestern hier entdeckt haben, zwischenzeitlich getrocknet sind. Es sind auch keine neuen Spuren zu erkennen. Wir steigen nun die Treppe hinunter, die hier weiter in die Tiefe führt, Mycroft geht voran, ich bilde die Nachhut und sichere die Expedition nach hinten ab. Die Treppe führt an dem Wasserfall vorbei, den wir bereits gestern durch das lückenhafte Gestein erahnen konnten, und an diesem einige Meter entlang. Mycroft überlegt laut, ein Ruderboot nach hier unten zu befördern.
“Und dann?”, frage ich, “senkrecht den Wasserfall hinunter?”
Mit einem schelmischen Grinsen bestätigt er meine Aussage durch ein Nicken. Ich bin mir nicht sicher, wie ernst er das jetzt meint.

Am Ende der Treppe stoßen wir auf einen Gang, der sich nach einer Weile aufteilt. Wir nehmen zunächst den linken Abzweig, der leicht anzusteigen scheint. Der Gang verläuft in einem weiten Bogen, vermutlich um den Wasserfall herum. Nach einigen Metern gelangen wir in eine weitere natürlich gewachsene Höhle, aus der wiederum ein Gang hinaus führt – dieses Mal deutlich nach unten. Es dauert nicht lange, bis wir am Ufer eines unterirdischen Flusses landen. Von rechts ist das Rauschen des Wasserfalls zu vernehmen. In dieser Richtung strömt auch der Fluss, doch er verschwindet unter dem Felsgestein aus unserem Sichtfeld. Zur Linken führt der Gang weiter, der nach einer Weile in einer Höhle voller Stalagmiten mündet. Auf den ersten Blick scheinen wir in eine Sackgasse geraten zu sein, doch in etwa zehn Metern Höhe scheint ein weiterer Gang abzugehen. Nach einer kurzen Diskussion entscheiden wir, dass wir die Option dieses Weges eruieren wollen – Seil und Steigeisen haben wir selbstverständlich dabei. Mycroft klettert die Felswand hinauf, kommt nach einer kurzen Weile jedoch zurück, um uns zu berichten, dass der Gang, der dort oben wohl einmal entlang geführt hat, schon vor sehr langer Zeit eingestürzt ist. Hier geht es tatsächlich nicht weiter.

Wir gehen zurück zu der Stelle, an welcher der Weg, der uns an de Fluss geführt hat, abzweigt und versuchen nun unser Glück auf dem aus Richtung des Ausgangs des Höhlensystems geradeaus weiter führenden Pfad. Wir passieren eine Höhle, in der ein offenbar nicht natürlich entstandener Sims zu finden ist. Aus der Höhle heraus führt der Gang uns viele Meter weiter in die Tiefen des Untergrundes unter Marigny. Er endet an einem See, jedoch keinem gewöhnlichen. Das Gewässer wird von dem herabstürzenden Wasserfall, der unseren Weg hier hinunter stets begleitet hat, gespeist und leuchtet wie der Wasserfall selbst, in einem gelblichen Licht. Doch nicht nur dieses faszinierende Naturschauspiel versetzt uns in Erstaunen. Inmitten des lumineszierenden Sees erhebt sich eine Wehranlage, die augenscheinlich von Menschen geschaffen wurde. Wir betrachten das Szenario von einem Plateau aus und beschließen, eine kurze Rast einzulegen, bevor wir uns weiter an die Erkundung der Anlage machen. Babettes Baguettes schmecken nach dem langen Abstieg besonders köstlich.

Zwischen dem Ufer und dem ersten Vorturm gilt es ein gutes Stück Wasser zu überqueren. Der Vorturm verfügt über eine Zugbrücke – soviel lässt sich erkennen – doch unklar ist, ob diese noch funktionstüchtig ist. Um dies herauszufinden und gegebenenfalls die Brücke herab zu lassen, müssten zumindest ein paar von uns auf die andere Seite gelangen. Wir werden uns einig, dass wir versuchen wollen, uns an einem Seil hinüber zu hangeln. Mare meint, eine Bewegung wahrzunehmen, während Mycrofts Versuch, das Seil mittels eines Enterhakens auf die andere Seite zu werfen, kläglich scheitert. Nun übernimmt Mare den Enterhaken und schon ihr erster Wurf ist ein Treffer. Der Enterhaken sitzt fest in den Zinnen des Vorturms. Sie lässt sich nicht nehmen, sich als erste über das Wasser zu hangeln, dicht gefolgt von Mycroft. Beide verschwinden aus unserem Sichtfeld ins Innere des Turmes.

“Wir brauchen hier Unterstützung”, höre ich Mycroft nach einer Weile rufen. Bevor ich mich versehe, hat Carla sich bereits auf den Weg gemacht, um dem Hilferuf zu folgen. Nach einigem Schimpfen und Fluchen schließlich bewegt sich die alte Mechanik und knarrend und krachend sinkt die Brücke zu Boden und eröffnet uns einen unkomplizierten Weg über das Wasser. Ohne Schwierigkeiten passieren wir die Brücke.

Vom Vorturm führt eine weitere, jedoch fest angelegte, Brücke hinüber zum Hauptturm, wo uns jedoch eine massive Holztür den Weg versperrt und unseren Vorstoß aufhält. Sie erweist sich als äußerst widerspenstig, doch Mycroft gelingt es schließlich, sie zu bezwingen und den Durchgang frei zu machen. Während Mycroft und Carla den Mechanismus der Tür näher unter die Lupe nehmen, entdecke ich ein ballartiges, vielbeiniges Etwas, das mit einer rasenden Geschwindigkeit auf uns zusteuert.

“Leute, wir bekommen Gesellschaft”, rufe ich, während ich mich kampfbereit mache und mein Katana ziehe, doch ich komme nicht dazu, auch nur einen Schlag zu führen. Das Ding springt über mich hinweg und sondert dabei ein schleimiges Etwas ab, das auf mich klatscht. Kaum, dass mich diese Masse berührt, beginnt die stoffliche Welt in meinem Bewusstsein zu schwinden und eine traumartige Ohnmacht überkommt mich.

Ich vernehme eine Stimme, eigentlich mehr ein Gefühl, eine ahnungsvolle Bedutung, die sich mir offenbart, als ein tatsächlicher Ton, ganz ähnlich, wie in einem Traum, den ich vor einigen Wochen hatte.

“Aus den Tiefen der Erde kommen Träume heraus,
giftige Küsse, sie löschen dich aus.”

Interessanter Weise machen mir diese Worte nicht im geringsten Angst. Im Gegenteil. Sie wecken ein Gefühl von Hoffnung auf Befreiung in mir.

Ich weiß nicht genau, wieviel Zeit vergangen ist, als ich langsam wieder in die Wachwelt gleite. Ich fühle mich entspannt, wie nach einer tiefen, ausgiebigen Meditation. Mir geht es gut. Ich bin im Innern eines alten Gebäudes, nicht mehr auf der Brücke, auf der ich mein Bewusstsein verloren habe. Auch Mare, die sich verschlafen die Augen reibt, dabei aber auch überaus entspannt wirkt, ist hier. Die anderen sind nicht zu sehen, lassen aber nicht lange auf sich warten.

“Sanjūrō”, fragt Mycroft besorgt, “geht es dir gut?”
“Es könnte kaum besser sein”, antworte ich.
“Weißt du, wie du heißt?”, fragt er weiter.
“Ja”, antworte ich und nenne ihm meinen Namen, mein Geburtsdatum und meinen Wohnsitz.
“Das ist gut”, antwortet er beruhigt, “und weißt du, wo wir sind?”
“In Frankreich, irgendwo im Untergrund von Marigny”, erwidere ich.
Ich kann seine Besorgnis verstehen. Auch ich bin froh, den Bezug zu mir selbst während dieses Traumerlebnisses nicht verloren zu haben.

Mare berichtet von einem Traum, in dem sie als Beobachterin ein frühmittelalterliches Labor gesehen hatte, in dem ein Medicus einen schwer kranken Patienten behandelte und mit Salben, Tinkturen und Tränken experimentierte. Der Kranke schien von der Pest befallen und Mare meint, dass sie ihn ihrem Traum nicht im Raum, sondern lediglich in der Zeit versetzt wurde und dass das, was sie gesehen hat, vor vielen Jahrhunderten tatsächlich an diesem Ort stattgefunden habe. Auch ich erzähle von meinem Traum.
“Aus den Tiefen der Erde kommen Träume heraus, giftige Küsse, sie löschen die aus”, sinniere ich. Das Traumland oder gewisse Wesen, die dort leben, haben Gefallen an mir gefunden, wie es scheint, und rufen nach mir.

Während Mare und ich geschlafen haben, habe die anderen weiter den Turm erkundet. Sie sind auf eine Art “Mana-Batterie” gestoßen, wie Mycroft es nennt, einen Kraftraum, in dem wir uns mittels Carlas magischer Gesänge energetisch neu aufladen können. Dort befand ich auch ein kleiner Lederbeutel, der zehn Münzen enthält – neun kupferne und eine silberne – sowie eine schwarze Kralle oder einen schwarzen Zahn. Sie gibt mir und Mare jeweils eine der Kupfermünzen. Ich wiege das Geldstück in meinen Händen.
“Das ist seltsam”, stelle ich fest, “die Münze fühlt sich von einer Seite schwerer an, als von der anderen.”
Meine Begleiter bestätigen diese Wahrnehmung. Es scheint also keine Täuschung zu sein, und wenn doch, dann keine, der nur ich erlegen bin.

Nachdem wir nun unsere Erlebnisse ausgetauscht haben, gehen wir gemeinsam ins Innere des Turms, den meine Freunde bereits in Teilen erkundet haben. Wir steigen die Treppen hinauf. An einem Durchgang befindet sich eine Inschrift im Torbogen.
“危ない。ウルムスが来た。” (Vorsicht! Ulms.) ist dort zu lesen.
“Warum stehen da Kanji?”, wundere ich mich.
“Warum nicht?”, meint Mycroft spitzfindig, “Das ist doch eine typisch japanische Behausung.”
“Nein, ist es nicht”, erwidere ich.
Mare hingegen besteht darauf, dass der gleiche Text, den ich hier in meiner Muttersprache lese, dort in arabisch stehen würde. Es muss sich um irgendeinen seltsamen Zauber handeln.

Wir gelangen schließlich ins oberste Stockwerk des Turms, jedoch verhindert auch hier eine massive Tür unser Weiterkommen. Mycroft ist zuversichtlich, dass er das Schloss der Tür überwinden kann und macht sich direkt an sein Werk. Es knack und klickt im Schließmechanismus, doch die Tür bleibt verschlossen. Mycroft versucht es weiter, dann aber verzieht sich seine Mine resigniert.
“Verdammt”, flucht er und wirft einen Blick nach oben, “wir müssen wohl doch versuchen, einen Eingang über das Dach zu finden.”

Mare und Henry stellen sich der Aufgabe und erklimmen die Mauern. Es dauert eine kurze Weile, bis der Mechanismus der Tür erneut zu klicken beginnt und die Barriere von innen geöffnet wir. Von innen ließ sich der Schließmechanismus, den Mycroft durch seinen Versuch ihn zu überwinden offenbar nur noch weiter blockiert hat, wohl zurücksetzen. Im Innern des Turms befindet sich nicht weiter als ein eingestaubtes Pult, und ein ebenso staubiges Regal. Der Lord entdeckt im Regal eine Reihe von kleinen Schriftstücken, kaum größer, als die Hälfte einer Handfläche. Auf jedem dieser Zettel befindet sich eine Aufschrift: “Geistlicher Schild”.
“Vielleicht ist das eine Art Talisman oder Schutzzauber”, überlege ich.

Die Decke zeigt den Sternenhimmel. Interessant ist, dass die Konstellation exakt der tatsächlichen des heutigen Tages entspricht, stelle ich fest. Das ist ein ziemlich großer Zufall. Sterne werden jedoch nicht von irgendeiner unbekannten Quelle auf die Decke projiziert werden. Sie scheinen aufgemalt worden zu sein. Auch scheint es keinen offensichtlichen Mechanismus zu geben, der die Zimmerdecke bewegen würde. Ich teile meine Erkenntnis mit den anderen und Henry beschließt, mit seiner Kamera eine Langezeitbelichtungsaufnahme des Deckenbildes zu machen, um zu sehen, ob sich das Firmament entsprechend dem echten Sternenhimmel draußen verändert.

Ein Stockwerk tiefer befindet sich der Ritualraum, mit der “Mana-Batterie”. Als ich den Raum betrete, spüre ich sofort die immense Energie, die sich an diesem Kraftort sammelt. Carla hebt zu ihrem magischen Gesang an und führt mir und Mare frische, spirituelle Energie zu. Unsere Freunde sind bereits während unserer Ohnmacht in den Genuß dieser geistigen Aufladung gekommen.

Hinter dem Turm gibt es noch ein weiteres Tor. Mare meint, aus dieser Richtung die Bewegung gesehen zu haben, die ihr bei unserer Ankunft hier unten aufzufallen schien. Womöglich sind die vielbeinigen Bälle hier heraus gekommen. Nach einer ausgiebigen Teepause – der Brite lässt sich selbst an den unwirtlichsten Orten nicht seine Teatime nehmen – beschließen wir, uns auch dort noch umzusehen.

Über einen nicht allzu langen Gang gelangen wir auf eine nach oben führende Treppe. Jeweils nach etwa 25 Metern gibt es eine Treppenabsatz, an dem sich der Aufstieg um 90° wendet. Schließlich endet die Treppe in einer großen Höhle, wo sich in einigen Metern Höhe ein Abgang zu befinden scheint, der jedoch nur über eine natürlich gewachsene “Treppe” aus Stalagmiten erreichbar ist. Die Tropfsteine sind so gewachsen, dass der nächstfolgende immer etwas höher ist, als der vorangegangene. Für Menschen dürfte es schwierig werden, diesen Aufstieg zu erklimmen. Wir beschließen vorerst, die hüpfenden Ballwesen in Ruhe zu lassen und das Tor auf unserem Rückweg hinter uns zu verschließen.

Es ist kurz vor acht, als wir uns an den Aufstieg machen, so dass wir zu einem späten Abendmahl um neun Uhr das Chat Noir wieder erreichen. Babette tischt frische Hasenpastete auf. Ich bin wohlig erschöpft und ziehe mich heute nach meinen abendlichen Trainingseinheiten für meine Verhältnisse recht früh in meinen Schlafraum zurück.

Ich versuche zu träumen, gelange auch irgendwie in die Traumlande, doch irgendetwas ist seltsam. Ich komme nicht, wie üblich, auf der Lichtung im verwunschenen Wald zu mir, sondern schwebe über einer Ortschaft über einem Platz, auf dem Schafe geschlachtet werden. In der Mitte dieses Platzes thront sich auf einem Podest räkelnd eine große Katze. Langsam und majestätisch überheblich wendet sie mir den Kopf zu.
“Wo bleibst du denn”, faucht sie mich herrisch an.
Mich überkommt die Ahnung, dass sie Phauz, die Katzenmatriachin von Celephais ist.
“Jetzt bin ich ja hier”, gebe ich zurück, doch noch bevor ich diese Worte vollständig ausgesprochen habe, werde ich fortgezogen in die Dunkelheit der Traumlosigkeit meines Schlafes.