Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

反省 (Hansei) – Reflexion

Mycroft erscheint völlig übernächtigt zum Frühstück im Salon. Er wirkt verwirrt und ist kaum wieder zu erkennen. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um meinen Freund. Mary-Ann entschuldigt sich. Sie hat zwei Pilzproben verwechselt, als Mycroft sie gestern abend um einen “Traumbooster” gebeten hatte.

“Der Rauch dieser Pilze wirkt bewusstseinserweiternd”, merkt sie an, “es kann also nicht so schlimm sein.”
Ich bin entsetzt über soviel Ignoranz und Naivität auf einmal.
“Er hat ihn aber gegessen”, wende ich vorwurfsvoll ein, “wie lange hält die Wirkung noch an?”
Mary-Ann zuckt verständnislos mit den Schultern.
“Ich habe keine Ahnung”, antwortet sie, “es wird schon vorüber gehen.”
Mycroft hält sich mühsam an seiner Teetasse fest, wirft Mary-Ann einen bedrohlichen Blick zu und zieht sich mit den Worten “Ich geh wieder ins Bett” auf sein Zimmer zurück.

Nach dem Frühstück lässt der Lord Vorbereitungen zur Abreise treffen. Gegen elf Uhr brechen wir mit insgesamt drei Automobilen auf und verabreden, uns auf Highclere Castle wieder zu treffen, wo wir etwa eine halbe Stunde nach Mittag auch eintreffen. Mycrofts Rausch hat inzwischen nachgelassen. Nach dem Lunch fragt er mich, ob ich ihn und Tamino auf eine Spaziergang zum Beacon Hill begleiten möchte, was ich gerne bestätige. Ich schulde ihm noch immer die Erklärung über die Umstände meiner Rückkehr aus der Bibliothek zu Babel.

Es dauert eine Weile, bis ich den Mut aufbringe, darüber zu sprechen. Zu sehr bin ich noch von meinem letzter Versuch, das Versprechen auf Stillschweigen gegenüber meinem Abkommen mit dem Mi-Go zu brechen, und dem, was daraus folgte, eingenommen. Er kann mich kontrollieren, wenn er will. Als ich Mycroft schließlich doch berichte, was passierte, als ich knapp vor einer Woche versucht hatte, ihm zu erklären, auf welchem Weg ich zurückgekommen bin, bin ich dabei sehr angespannt, in ständiger Erwartung, dass irgendetwas passiert, dass Dr. Krebs meinen – dieses Mal durchaus bewussten – Vertragsbruch bemerken und mich dafür bestrafen wird. Doch nichts passiert.

“Vielleicht verlangt gerade etwas anderes dringender nach seiner Aufmerksamkeit”, überlege ich, “das wird nicht so bleiben und wenn er zurückkommt und in meinen Erinnerungen wühlt… Gut möglich, dass er dann auch auf diese hier stößt und dann… Ich wage mir nicht auszumalen, was er alles mit mir anstellen wird, um mich gefügig zu machen.
Inzwischen glaube ich, er hat mich ganz gezielt ausgesucht, um mich gegen den Lord und die anderen auszuspielen”, mutmaße ich. Mycroft sieht mich fragend an.
“Sie hatten schon einmal mit ihm zu tun und haben ihm ziemlich viel Ärger gemacht, als wir über den Jahreswechsel in Japan waren. Frag sie nach Dr. Krebs. Ich muss mich bedeckt halten.”
Mycroft sichert mir seine Unterstützung zu. Darauf hatte ich gehofft.
“Wenn ich das Ganze hier aus irgendeinem Grund nicht überstehe, möchte ich dich um einen Gefallen bitten. Es gibt etwas, das er vor allem besonders an mir begehrt, das, was sich hinter meinen Schädelplatten befindet. Wenn ich sterben sollte, hilf mir bitte, dass ich nicht auch über den Tod hinaus sein Sklave sein muss und zerstöre mein Gehirn.”
“Soweit wird es nicht kommen, du wirst nicht sterben. Nicht so bald”, versichert er mir, während er, sein Gewehr schussbereit haltend, nervös den Himmel abscannt.
“Hier kann jederzeit ein Byakhee vorbeikommen”, erklärt er seine Nervosität.
“Oder ein Mi-Go”, ergänze ich.
Wir müssen beide lachen, als uns diese bizarre Gemeinsamkeit bewusst wird.

Nachdem ich ihm auch die Geschichte erzählt habe, die mir auf dem Friedhof in den Traumlanden widerfahren ist, von Pickman, dem Hundswesen und der toten, bösen Zauberin, fühle ich mich sehr erleichtert.
“Kaum bist du mal ein paar Tage nicht da, manövriere ich mich in solche Schwierigkeiten”,  resümiere ich schließlich.
“Jetzt passen wir ja wieder aufeinander auf”, meint Mycroft.
“Ja”, antworte ich zustimmend. Ich bin wirklich froh, meinen Shinyū wieder an meiner Seite zu wissen.

Als wir zurück ins Haus kommen, erfahren wir, dass Carla eine Einladung von Ihrem Onkel zu einer Ausstellung in der Toskana erhalten hat. Es handelt sich um eine Exposition von Ausgrabungsfunden der Etrusker. Henry hält einen ausschweifenden Vortrag über die Etrusker und ihren EInfluss auf die Sprachforschung. Der Stein von Rosetta findet Erwähnung. Meine Gedanken schweifen irgendwann ab. Erst, als Henry über das Thema “Religion” einbringt, werde ich wieder aufmerksam. Die Etrusker habe sich in ihrem Glauben sehr auf Orakel und Vorsehung verlassen. Die Ausstellung wird im April eröffnet.

Ein Telegramm für den Lord trifft ein. Ein Kollege von Dr. Nidelven, Dr. Günther Gaultier, kündigt seinen Besuch an. Er wird übermorgen, also am Mittwoch, eintreffen. Ich verabschiede mich, um nach Curdrigde Hill zurück zu kehren, mit dem Vorsatz, in zwei Tagen zurück zu kommen.

“Willst du heute träumen?”, fragt Mycroft mich, als ich aufbreche.
“Ich werde es versuchen”, verspreche ich ihm.

Zu Hause angekommen begebe ich mich, nachdem ich mir von Amanda bestätigen lassen haben, dass während meiner Abwesenheit keine Ungewöhnlichkeiten vorgefallen sind, zum Gebet in meine Schrein. Schon beim Betreten meines Refugiums spüre ich, dass meine Anspannung von mir fällt. Das Licht der Sterne und der Schutz der Nacht empfangen mich freundlich und mit Wohlsinnen. Die Verbindung zu meiner Göttin besteht noch. Es gelingt mir, mich von all meinen Lasten zu befreien ich  und habe das Gefühl, nach langer Zeit endlich wieder wirklich nach Hause zu kommen.

Später am Nachmittag rufe ich Engineer Watson an. Ich möchte mich erkundigen, ob die Bauarbeiten an meinem Haus in London planmäßig voranschreiten und ob der Termin der Fertigstellung zum ersten April gehalten werden kann. Er berichtet von Schwierigkeiten. Ein Arbeiter sei unvermittelt krank geworden und nun schon seit einer Woche nicht mehr im Einsatz. Er sei sehr darum bemüht, den Termin zu halten. aber er müsse wahrscheinlich zwei zusätzliche Arbeiter einstellen. Ich bitte ihn, alles zu tun, damit die Bauarbeiten pünktlich abgeschlossen werden können.

Der Weg in die Traumlande bleibt mir heute verwehrt, doch auch die dunkle Hexe stört meinen Schlaf in dieser Nacht nicht.