Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

再来 (Sairai) – Wiederkehr

Ich erwache auf der Lichtung im verwunschenen Wald. Ich bin verwundert – habe ich es doch beim Einschlafen gar nicht darauf angelegt, zu träumen. Ich habe zwar mein Älteres Zeichen dabei, irgendwann war ich dazu übergegangen, das Schutzamulett auch im Schlaf zu tragen, ansonsten aber keine magische Ausrüstung aus der Wachwelt. Da ich wie üblich unbekleidet in den Traumlanden angekommen bin, lege ich zunächst meine in der Traumlandtruhe lagendernden Roben an. Ich nehme mir Zeit und schnüre die Gürtel meines Hakamas heute besonders sorgfältig, während ich weiter darüber nachsinne, warum ich eigentlich hier bin.

Das Mal an meinem Bein, dass ich mir bei der Jagd nach dem Buch Eibon durch die Hexe vom Friedhof irgendwo zwischen den Welten eingefangen hatte, macht sich wieder bemerkbar. In den letzten Tage hatte ich kaum mehr daran gedacht und auch Albträume plagen mich schon seit geraumer Zeit nicht mehr, doch es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis die Hexe sich meiner besinnt und ihren Einfluss auf mich ausüben wird. Vielleicht bin ich deshalb hier, aber wo soll ich anfangen, zu suchen? Ich habe keine rechte Idee, aber es scheint mir wenig ratsam, jetzt einfach aufzuwachen und die Traumlande zu verlassen.

‚Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch gleich mal nach dem Rechten auf meinem Land schauen‘, überlege ich. Gedacht, getan. Ich mich auf den Weg nach Ulthar und bin schnell an meinem Anwesen.

Der Bau geht gut voran. Zimmermann Harek, den ich zum Vorarbeiter meines Bauvorhabens bestimmt habe, bringt mich auf den neuesten Stand. Ich suche den Dachdeckermeister Jonta in der Stadt auf, um mit ihm noch einige Details für die Pagodenkonstuktion des Hauses zu besprechen. Später suche ich das Wirtshaus auf. Vielleicht kann ich ein paar interessante Neuigkeiten aufschnappen, aber es gibt nichts zu erfahren, was von Bedeutung wäre. Ich besorge etwas Tee bei einem ortsansässigen Händler, den ich auf meinem Land zubereiten und mit den Bauarbeitern zu teilen gedenke.

Die Arbeiter sind dankbar für die kleine Pause. Als sie wieder an ihre Arbeit gegangen sind, begutachte ich das Innere des Rohbaus meines Hauses. Die Mauern sind bereits bis zum zweiten Stockwerk hochgezogen worden. Ich steige die hölzerne Behelfstreppe hinauf genieße die Aussicht hinüber zum Fluss Skai, der sich etwa anderthalb Meilen entfernt zwischen den Ebenen der Sieben Königreiche glitzernd durch die Lande schlängelt. Ich lehne mich an die halbfertige Mauer und lasse mir den Wind durch das Haar wehen, als ich seltsamer Weise eine aufkommende Schläfrigkeit verspüre. Ist es schon Zeit, aufzuwachen? Die Sonne in den Traumlanden hat den Zenit längst überschritten. In der Wachwelt dauert es vermutlich nicht mehr lange, bis sie aufgeht. Inzwischen fühle ich mich nicht mehr nur etwas schläfrig sondern richtig müde. Ob das an dem Tee liegt? Ich weiss es nicht, es ist auch nicht wirklich wichtig, schließlich träume ich und physisch kann mir hier nichts passieren. Ich könnte jetzt einfach beschließen, aufzuwachen, um zurück in die Wachwelt zu kommen, aber ich entscheide mich, ein kleines Nickerchen einzulegen. Wenn ich hier, in den Traumlanden einschlafe, werde ich vermutlich ganz normal in der Wachwelt zu mir kommen.

Doch als ich wieder aufwache stelle ich mit Erstaunen fest, dass noch immer in Ulthar bin. Ich habe geträumt. Ich habe träumend geträumt…
Mich überkommt ein mulmiges Gefühl, als mir dies bewußt wird. Madame Empusa, die Küstenhexe, die Wahrsagerin vom Jahrmarkt, war mir erschienen. Sie sagte mir gerade zu und ohne Umschweife, dass sie es war, die mich in die Traumlande gerufen hat.
„Ihr habt hier noch etwas Dringendes zu erledigen“, behauptete sie und riet mir, so bald wie möglich in die Küstenstadt Celephais zurück zu kehren. Ich habe nach dieser Begegnung noch weiter geträumt, doch ich kann mich nicht erinnern, was ich in dieser Zeit erlebt habe.

„Ah, seid Ihr endlich aufgewacht? Wir hatten schon angefangen, uns Sorgen um euch zu machen, Taurandeel“, begrüßt mich Harek, der Zimmermann.
„Guten Morgen“, erwidere ich.
„Morgen?“, lacht Harek, „Es ist schon fast Abend. Ich habt einen ziemlich tiefen Schlaf.“
Ich kratze mir verlegen die Brust. Ich versuche gerade noch immer mit dieser Situation klar zu kommen. Was ist mit mir passiert? Ich bin in den Traumlanden eingeschlafen und habe geträumt. Wie kann das sein?
‚Reist so schnell wie möglich in die Stadt am Meer. Die Katzenmatriarchin erwartet euch‘, hallen Madame Empusas Worte in meinem Gedächtnis nach. Ich sollte mich beeilen und nicht allzu lange aufhalten.

„Ich muss los“, sage ich zu Harek, „ich habe schon viel zu lange geschlafen.“
„Das kann ich mir wohl vorstellen“, meint der Zimmermann, „zwei volle Tage und einen halben.“
Zweieinhalb Tage? Was zur Hölle geht hier vor? Die Tatsache, dass ich wohl so um die fünfzig Stunden geschlafen habe, noch dazu in den Traumlanden, sollte mich eigentlich beunruhigen, aber das tut sie nicht. Ich habe das Gefühl, dass alles nach Plan läuft, nur dass ich nicht weiß, wie dieser Plan aussieht.

Celephais also. Ich muss zurück nach Canas und dort den Dalan finden, damit er mich über das Meer bringt. Dank meiner als Nicht-Traumlandbewohner gegebenen Fähigkeit des zeitlosen Schreitens gelange ich schnell nach Canas und finde auch schnell das Gasthaus „Zum Kraken“ wieder. Auch Lilian, der Bote des Dalan, taucht heute Abend in dem Gasthaus auf.

„Ihr werdet erwartet, Mann aus dem Südland“, sagt er, bevor ich dazu komme, mein Anliegen an ihn heran zu tragen, „der Dalan ist bereit, euch morgen nach Celephais zu bringen. Trefft mich eine Stunde nach Sonnenaufgang an der Bucht.“
„Hai“, antworte ich, „ich werde da sein.“
Lillian nickt leicht.
„Gut“, antwortet er, „dann sehen wir uns morgen.“
Mit diesen Worten wendet er sich zum Gehen und entschwindet aus dem Gasthaus in die Schatten der Nacht.

Ich habe Glück. Im „Kraken“ ist heute Nacht noch das einzige Einzelzimmer frei. Ich miete mich dort ein und verbringe eine ruhige Nacht, schlafe allerdings nicht besonders viel. Im Morgengrauen stehe ich auf, nehme ein für diese Gegend typisch fischige Frühmahlzeit ein und begebe mich zum verabredeten Punkt in der Bucht vor der Stadt. Lillian erwartet mich bereits mit seinem rochenbetriebenen Einbaum. Zügig gleiten wir hinaus aufs offene Meer, wo auch der Dalan schon mit seinem Trimaran bereit steht, um mich nach Celephais zu bringen. Die Überfahrt verläuft ohne Zwischenfälle und nach guten zwei Stunden gelangt die Küstenstadt Celephais in unser Sichtfeld. Der Dalan drosselt das Tempo und der Rochen zieht den Trimaran sanft in die Nähe des Ufers.

„Alles Gute, Südlandmann“, verabschiedet er sich und wendet sein Schiff zurück in Richtung Canas. Meine Füsse hingegen tragen mich zielstrebig in Richtung des Zentrums der Stadt, zum Tempel der Katzenmatriarchin.

Sie erwartet mich, empfängt mich heute viel wohlwollender, als bei meinem letzten Besuch in ihrem Tempel.
„Ich muss mich bei euch entschuldigen“, erklärt sie, „bei unserer letzten Begegnung hier war ich euch gegenüber ungerecht. Ich habe nicht gesehen, dass ihr ein Opfer fremder Mächte geworden seid. Nun habe ich es erkannt, dass es nicht in eurer Macht stand, früher zu mir zu kommen.“
Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Eine Gottheit, die sich bei mir, einen unbedeutenden Menschen, entschuldigt?
„Ich kann euch befreien“, fährt sie fort und streckt ihre Hand nach mir aus, „das wird jetzt weh tun.“

Ihre Hand dringt durch meine Brust in meinen Leib ein und reisst mich regelrecht aus diesem heraus. Ich schwebe als Lichtgestalt neben mir und beobachte mit Entsetzen und Faszination, wie das schwarze Mal der Hexe an meinem Fussgelenk wächst mein Bein hinauf und kriecht weiter meinen Oberkörper hinauf und meine Glieder entlang, bis es meinen Leib vollständig umschlungen hat. Die schwarze Masse zwingt den Körper zu Boden, zieht sich immer enger um ihn zusammen, bis der Leib vollständig zusammen bricht und als schwarzer Klumpen am Boden kauert, der sich nunmehr in dunklen Staub auflöst, der von den Winden fortgetragen wird.

Ich manifestiere mich wieder vor meiner Göttin, physisch. Die leuchtenden Schutzgeister, die sich bei unserer Expedition in das unterirdische Labyrinth, in dem wir des Siegel und die Schilde gefunden haben, aus dem Talisman von Madame Empusa in meinem Blut manifestiert haben, kreisen noch immer durch meine Adern. Das Mal an meinem Bein ist verschwunden und noch etwas ist anders. Und es ist noch nicht vorbei, sagt mir eine innere Stimme, das war erst der Anfang.

Die Katzenmatriarchin versetzt mir einen sanften aber bestimmte Stoß nach hinten. Ein brennender und stechender physischer und seelischer Schmerz durchfährt mich. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als würde er jeden Moment in Stücke gerissen werden. Es wird dunkel um mich herum. Ich habe das Gefühl, ohnmächtig zu werden.
„Caleano und die Bibliothek von Babel sind mein Hoheitsgebiet“, höre ich noch ihre strengen Worte, bevor mich der Schmerz vollends übermannt und mich zurück in die Wachwelt treibt.