Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

二重召使か (Nijū Meshitsukai ka) – Diener zweier Herren?

Ich erwache auf der Lichtung im Verwunschenen Wald, doch etwas ist anders, als bei meinen früheren Besuchen. Meine Präsenz ist eine andere. Zunächst habe ich das Gefühl, aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen und gleichermaßen fühle ich mich von jemandem beobachtet. Ich verändere meinen Wahrnehmungsfokus und nehme mich selbst zurück, als würde ich mich von außen betrachten. Meine Aura ist eine andere. Ich selbst bin es, der mich beobachtet. Es ist, als würde sich mein Traumleib in einer Sphäre meiner Selbst befinden. Das muss ein Effekt sein, der durch die Benutzung der Münze hervorgerufen wurde. 

Die anderen sind auch hier. Nachdem ich mich angekleidet habe, nehme ich die Traumlandkarte an mich. Wir beschließen, dass wir zunächst in die Bibliothek nach Ulthar gehen und versuchen, dort einen Weg nach Celephais in Erfahrung zu bringen. 

Ich frage den ersten Bibliothekar, der mir begegnet, ob er mir mit meinem Anliegen helfen kann. Er sagt, dass die Bibliothek an zwei Tagen im Jahr einen Ausgang nach Celephais offenbaren würde. Die Tage heißen “Neko no Kinenbi” und “Toki no Kinenbi”. Ich werde stutzig, als er diese Worte ausspricht. Es sind die Namen von Feiertagen in einigen Shintō-Strömungen – Neko no Kinenbi (猫の記念日) – der Tag der Katze und (時の記念日) – der Tag der Zeit. Ich bin erstaunt und verwundert, dass man in den Traumlanden offenbar auch Japanisch spricht.
“Was ist das für eine Sprache?”, frage ich den Bibliothekar.
“Eine sehr alte Sprache”, antwortet der Bibliothekar, “so alt, dass man nicht mehr weiß, was es für eine Sprache ist.”

Ich versuche mich zu erinnern, wann diese Feiertage in Japan begangen werden. Der Tag der Zeit wird vielerorts am 20. Juni gefeiert, der Tag der Katze irgendwann im Winter. Ich frage den Bibliothekar. Er sagt mir, dass der Tag der Katze jetzt vor fast anderthalb Monden war, im Februar also. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es war der 22. Februar. Verdammt! Kein Wunder, dass die Katzenmatriarchin verstimmt ist. Sie hatte mich bereits dann erwartet. Doch dann kam mir die Geschichte mit dem Hund von Tindalos dazwischen, die Reise zur Bibliothek und der Pakt mit dem Mi-Go, den ich meinerseits auch noch nicht erfüllt habe. Warum konnte sich dieser Dr. Krebs auch nicht klar ausdrücken? ‘Ihr werdet zum Yuggoth reisen und meine Konkurrenten ausschalten’, hieß es, aber wie hätte ich das anstellen sollen? Mich beschleicht der Gedanke, der Mi-Go hat mir absichtlich diese Aufgabe so gestellt, dass ich sie nicht so ohne weiteres allein lösen konnte. Er hat gar nicht vor, mich meine Verpflichtung erfüllen zu lassen.

Doch all das dürfte die Katzenmatriarchin herzlich wenig interessieren. Sie erwartet, dass ich zu ihr komme und zwar auf schnellstem Wege. Ich kann nicht bis zum 20. Juni warten. Ich zeige dem Bibliothekar meine Karte und bitte ihn zu zeigen, wo Celephais sich befindet. Er deutet auf eine Landmasse von uns aus gesehen jenseits des Meeres. Wir müssten also mit dem Schiff reisen. Canas wäre ein guter Ort, um eine Überfahrt zu finden.

Mittels des zeitlosen Wandelns gelangen wir schnell in die magische Hafenstadt. Esme ist noch immer auf Reisen, aber der Leguan ist wie meistens zu einem kleinen Schwätzchen aufgelegt. Als wir erzählen, dass wir nach Celephais reisen wollen, sagt er, dass wir den Kapitän des Weißen Schiffes suchen sollen.
“Dem traue ich zu, dass er euch um diese Jahreszeit dahin bringen kann”, sagt er. Bevor wir uns auf den Weg zum Hafen machen, um weitere Erkundungen einzuholen, helfen wir dem Leguan noch mit einem Kuchenproblem.

Harald, der Hafenmeister, kann uns mitteilen, dass das Weiße Schiff zuletzt vor einer Woche vor Canas geankert hätte und dann weiter nach Serrania gezogen sei. Er könne nicht sagen, wann das Schiff zurückkehre.
Wir schauen uns im Hafen um. Es gibt vier Schiffe, die ihrer Bauart nach in der Lage wären, das Meer zu überqueren. Die Überfahrt dürfte zwei bis drei Tage dauern.

Beim ersten Schiff, einem Dreimaster, haben wir kein Glück. Es hat den Zielhafen Xunos, weit abseits der Route nach Celephais. Der Kapitän des zweiten Schiffes, ebenfalls ein Dreimaster, fürchtet die nahenden Sommerstürme und will deshalb nicht nach Celephais übersetzen. Das dritte Schiff ist kleiner. Es hat nur zwei Masten. Man bietet uns auf unsere Nachfrage eine Überfahrt an, doch die Mannschaft ist nicht besonders vertrauenserweckend. Mycroft vermutet, dass es Piraten sind, die uns, sobald wir den Hafen verlassen und außer Sicht der Küste sein werden unserer Habseligkeiten entledigen und über die Planke springen lassen werden. Sein scharfes Auge entdeckt, als wir weitergehen, einen Rammsporn am Bug des Schiffes, der knapp unter der Wasseroberfläche angebracht ist. Diese Entdeckung bestätigt nur seinen Verdacht. Auch bei dem vierten und letzten hochseetauglichen Schiff, das heute hier im Hafen liegt, haben wir kein Glück. Das Schiff kommt heute noch ins Dock, erklärt der Bootsmann. Es wird bestimmt einen Monat dauern, bis es wieder in den Einsatz kann.
Vielleicht sollten wir ein Schiff kaufen und eine Mannschaft anheuern? Aber die Chance, ein gutes Schiff auf die Schnelle kaufen zu können, dürften noch schlechter stehen,  als eine anständige Passage zu buchen.

Wir lassen uns in einer Hafenkneipe nieder und hören uns nach weiteren Überfahrtsmöglichkeiten um. Mycroft kommt mit einem Mann ins Gespräch, der sich Lilian nennt. Er skizziert auf einem Zettel die Küstenlandschaft von Celephais.
“Der Dalan kann euch vielleicht helfen”, meint er, “wie viele Plätze für die Überfahrt benötigt ihr?”
“Fünf”, antwortet Mycroft.
Lilian wirkt erstaunt.
“Ihr alle wollt nach Celephais?”, fragt er und mustert uns nacheinander. Auf mir verharrt sein Blick besonders lange.
“Ich kann euch nichts versprechen, was den Willen des Dalan angeht, aber für eine Silbermünze kann ich den Kontakt herstellen.”
Wir lassen uns auf den Handel ein und Lilian verspricht, in ein bis zwei Tagen mit einer Antwort zu uns zurück zu kehren.

Der Tag in Canas neigt sich langsam dem Ende. Wir beschließen, die Nacht hier zu verbringen. Normalerweise kennen wir es so, dass wir in der Wachwelt aufwachen, wenn wir in den Traumlanden einschlafen, aber dadurch, dass wir dieses Mal mit Hilfe der Münzen hierher gekommen sind, mag es sich damit anders verhalten. Auf dem Weg zum Hafen sind wir an einem Gasthaus mit dem Namen “Zum Kraken” vorbei gekommen. Wir haben Glück. Dort gibt es noch Platz für uns.
Carla erhält ein großes Einzelbettzimmer mit Blick auf das Meer, während uns anderen ein Zimmer etwa gleicher Größe, jedoch mit vier Betten und mit Fenstern zum Hof und Biergarten des Gasthauses. Das könnte eine unruhige Nacht werden, falls ich überhaupt schlafen kann. 

Ich bin innerlich aufgewühlt. Vieles geht mir durch den Kopf. Es ist schon eine Weile her, dass ich eine Nacht in den Traumlanden erlebt habe, aber noch nicht lange genug, als dass es mich nicht mehr berühren würde. Damals war ich allein und Schlaf, Tod oder Bewusstseinsverlust hätte ich teuer bezahlen müssen. Letztlich habe ich einen noch höheren Preis dafür bezahlt – oder besser: ich habe diesen Preis noch zu bezahlen – dass es jetzt nicht mehr so ist. Ich spüre, dass der Mi-Go, auch wenn er im Moment nicht aktiv in mein Handeln eingreift, seine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf mich richtet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich meiner Dienste bemühen wollen wird, wie auch immer das dann aussehen mag.

Zudem habe ich ein schlechtes Gewissen, bin unsicher, weil ich nicht weiß, was mich in Celephais erwarten wird. Ich bin in Ungnade gefallen bei einer Matriarchin, von der ich noch nicht einmal genau weiß, wer sie ist. Sie steht in irgendeiner Verbindung mit der Königin der Nacht, vermute ich, aber welcher Art, das kann ich beim besten Willen nicht mit Sicherheit sagen. Es ist gut möglich, dass die Katzenmatriarchin und die Königin der Nacht ein und dieselbe ist – auch andere Götter und Große Alte haben ihre Entsprechung in den Traumlanden – ebenso kann es aber auch sein, dass ich getäuscht werde und direkt in die Falle eines ihrer – und damit auch meiner – Feinde gelockt werde.

An Schlaf ist für mich überhaupt nicht zu denken. Henry ist zum Glück auch noch sehr munter und wir leisten uns gegenseitig Gesellschaft.
“Ich werde mich so lange betrinken, bis ich schlafen kann”, verkünde ich Henry gegenüber.
“Sind Sie sicher, dass Sie das tun möchten, Mr, Okumura?”, fragt Henry.
“Warum nicht? Es ist doch nur ein Traum”, erwidere ich scherzhaft naiv und stürze ein Glas Fischlikör auf Ex hinunter.
“Aber Sie haben doch noch was zu erledigen hier in den Traumlanden”, wendet Henry ein. Ich muss schmunzeln. Es ist wirklich rührend, wie besorgt Dr. Jones in letzter Zeit um mein Wohlbefinden ist, aber er hat auch recht, mit dem was er sagt. Es macht bestimmt keinen guten Eindruck, wenn ich völlig verkatert vor der Katzenmatriarchin erscheine, aber wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis ich überhaupt zu ihr komme. Heute will ich nicht weiter darüber nachdenken – auch nicht über die anderen Dinge, die mir Kopfzerbrechen bereiten – und ordere für mich und Henry noch jeweils einen Doppelten vom Fischlikör.

Nach vier oder fünf weiteren Doppelten habe ich mir endlich die nötige Schwere angetrunken, um schlafen zu können. Als ich von meinem Platz aufstehe, merke ich, dass ich wirklich ziemlich betrunken bin. Ich stehe ganz schön wackelig auf meinen Beinen und die Welt um mich herum schwankt gefährlich. Ich muss einen Moment innehalten und mich auf der Tischkante abstützen, um nicht umzufallen.
“Geht es Ihnen gut, Mr. Okumura?”, fragt Henry besorgt.
“Allesch okay”, lalle ich und versuche mich aufzurappeln. Das ist gar nicht so einfach. Ich habe die Wirkung des Fischlikörs deutlich unterschätzt.
“Dr. Jones, isch glaube, ischabe zuviel getrunken”,  gestehe ich Henry, “können Jie mir helfen, den Wesch in mein Bett schu finden?”
Henry lacht laut auf.
“Aber natürlich, Mr. Okumura”,  sagt er amüsiert grinsend. 

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich ins Bett gekommen bin, aber ich erwache am nächsten Morgen eben darin. Unsanft werde ich von der aufgehenden Sonne, die ihre Strahlen gnadenlos in das Zimmer schickt, geweckt. Meine Kleider liegen unordentlich auf dem Boden. Mein Kopf tut weh, nicht nur, vom übermäßigen Alkoholkonsum in der letzten Nacht, sondern auch von der stickigen Luft hier im Raum. Wegen des Lärms aus dem Biergarten hatten wir die Fenster über Nacht geschlossen halten müssen. Beim Blick nach draußen entdecke ich an der Rückwand des Gasthauses eine hölzerne Tonne, die wohl dafür aufgestellt worden war, um Regenwasser aufzufangen. Ein Bad könnte mir jetzt gut tun.

Gedacht, getan. Ich steige in die Regentonne. Das Wasser ist überaus erfrischend. Ich lehne mich zurück und entspanne. Wenn ich es mir so recht überlege, könnte das hier auch eine Karou-Tränke sein.
‘Was soll’s’, denke ich bei mir, ‘die Tiere werden an meinen Ausdünstungen schon nicht verrecken…’

Ich schließe die Augen und  lasse meine Gedanken treiben. Celephais. Ich hatte gedacht, dass es einfacher und schneller gehen würde, dorthin zu kommen, aber vielleicht hat es einen Grund. Diese ganze Geschichte – der Schrein in meinem Landhaus in Curdridge, Odawara, die Königin der Nacht… es ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit zwischen ihr und mir, und wenn ich ehrlich bin, möchte ich meine Freunde auch gar nicht zu sehr in diese Sache mit hineinziehen.


Nasse Spritzer in meinem Gesicht reißen mich aus meinen Gedanken.
“Hey, was soll das?”, schimpfe ich.
Mycroft grinst mich verschmitzt an.
“Ich dachte, du wärst eingeschlafen”, spottet er.
Henry sitzt etwas abseits auf einer Gartenbank und kritzelt etwas in sein Notizbuch.

Das Frühstück im Gasthaus ist ungewöhnlich. Das Buffet bietet Seebohnen und Quallenmarmelade. Der Tee, den sie hier anbieten, heißt “Seewasser” und wird auf Wunsch mit dem Sekret von unterarmgroßen Raupen verfeinert. 

Nach dem Frühstück begebe ich mich noch einmal zum Hafen. Vielleicht hat ja in den letzten Stunden ein Schiff angelegt, das mit Kurs auf Celephais weitersegelt. Doch das ist nicht der Fall. Zusammen mit Henry suche ich auf meiner Traumlandkarte die Küste der Stadt ab. Nicht alle Schiffe, die hier anlegen, ankern im Hafen, aber auch hier werden wir heute nicht fündig.

“Ich glaube, ich muss alleine weiterreisen”, offenbare ich Henry, “die Katzenmatriarchin will mich sehen. Sie hat etwas Persönliches mit mir zu klären. Vielleicht ist das der Grund, warum wir kein Schiff finden.”

Während Henry, der Lord und Mycroft ein Bad in einer geschützten Bucht nehmen, blicke ich gedankenversunken auf das Meer.
“Du willst allein weiterreisen?”, fragt mich Mycroft, als er sein Bad beendet hat. Henry hat ihm offenbar von meiner Vermutung erzählt.
“Wollen ist das falsche Wort”, erwidere ich, “aber ich fürchte, dass es nicht anders geht.”
Mycroft nickt verstehend. Ich sehe ihm an, dass dieser Umstand ihm überhaupt nicht gefällt. Er würde mich lieber begleiten, als mich wieder allein in den Traumlanden zurück zu lassen. 

Nach ein paar Erledigungen – Carla besorgt sich das Rezept und die Zutaten für den Fischlikör – verabschieden sich meine Freunde.
“Pass auf dich auf und komm heil wieder zurück”, bittet Mycroft mich eindringlich.
“Das werde ich”, verspreche ich, obwohl ich selbst nicht genau weiß, ob ich dieses Versprechen halten kann. 

Kaum, dass meine Freunde sich in die Wachwelt entfernt haben, erscheint Lilian.
“Habt ihr eure Zeche bezahlt? Können wir aufbrechen?”, fragt er sehr direkt.
Ich bestätige seine Fragen und sammle meine Habseligkeiten zusammen.
Lilian führt mich zum Strand, zu jener Bucht, in der sich Henry, der Lord und Mycroft heute morgen den Wellen aussetzten. Dort liegt ein Einbaum im Wasser und Lilian bedeutet mir, einzusteigen und Platz zu nehmen. Er macht mit seiner Hand im Wasser eine Bewegung, der Einbaum ruckt und nimmt Fahrt auf. Unter der Wasseroberfläche vor uns erkenne ich einen großen Schatten. Ein Rochen von etwa sechs oder sieben Metern Größe zieht das Boot.

Nach einer Weile gerät ein relativ kleines Boot in unseren Sichtbereich. Das Segel ist eingezogen. Interessanterweise verfügt das Boot über drei Rümpfe, von denen der mittlere deutlich größer ist, als die beiden äußeren. Ein Boot solcher Bauart habe ich noch nie gesehen. 

Lilian macht an dem dreirumpfigen Boot fest. Es gehört dem Dalan Reves Xerevi, der mich an Bord seines Bootes ehrenvoll willkommen heißt.
“Warum diese Hochachtung?”, frage ich, “ich bin doch nur ein einfacher Reisender und ich sollte es sein, der sich geehrt fühlt, dass Ihr mir die Überfahrt nach Celephais auf eurem Boot ermöglicht.”
Der Dalan sieht verschmitzt an.
“Ein einfacher Reisender? Wohl kaum”, lacht er, “wir haben Eure Ankunft schon vor sechs Wochen erwartet, Mann aus dem Südland. Sie hat Euch auserwählt und für würdig befunden – und sie wird Euch Eure Verspätung sicherlich nicht einfach so durchgehen lassen. Ich möchte nicht in Eurer Haut stecken.”

Der Dalan weist mir den linken Außenrumpf des Bootes zu. Er selbst nimmt in der Mitte Platz. Lilian verabschiedet sich und zieht seiner Wege.
“Wir werden etwa zwei Stunden für die Überfahrt brauchen”, schätzt der Dalan, “haltet Euch gut fest. Es geht los.”
Am Bug des Bootes sind lederne Strippen angebracht, die an Zügel erinnern. Der Dalan lässt sie sanft auf das Wasser klatschen, das Boot setzt sich in Bewegung und nimmt langsam aber stetig an Fahrt auf. Mit rasanter Geschwindigkeit gleiten wir nahezu fliegend über das Meer. Der Rochen, der dieses Boot zieht, ist gut und gerne doppelt so groß, wie Lilians Zugtier. 

Nach etwa einer Stunde drosselt der Dalan das Tempo.
“Wir müssen den Rochen schützen”, ruft er, “uns sind Jäger auf den Fersen.“
Nun erkenne auch ich, dass dicht unter der Wasseroberfläche vier große Schatten ziemlich schnell auf uns zukommen und das Boot einzukreisen versuchen.
“Übernehmt Ihr das Geschütz am linken Heck”.

Ich tue, wie mir geheißen. Es handelt sich um eine Armbrust, die mittels einer Winde gespannt wir. Ich kurble das Geschütz auf Spannung, lege den Bolzen ein und ziele auf einen der Schatten. Mein Schuss geht daneben, doch ein anderer Bolzen trifft. Der Dalan steht an Bug des Bootes, in einer Hand die Zügel, mit der anderen spannt er bereits wieder die Armbrust. Eines der Tiere, die uns hier folgen, zieht eine rote Spur nach sich und verlangsamt seine Geschwindigkeit. Die Tiere von der rechten Seite kommen uns gefährlich nahe. “Achtung, haltet Euch fest”, ruft der Dalan. Ich habe bereits den nächsten Bolzen eingelegt und mein Ziel erneut ins Visier genommen. Das Boot dreht eine scharfe Rechtskurve. Der linke Rumpf, auf dem ich mich befinde, hebt sich hoch aus dem Wasser. Ich habe freies Schussfeld und feuere aus meiner nun vorteilhaft erhöhten Position den Bolzen ab. Volltreffer! Ich sehen den Schatten dem Meeresgrund entgegen sinken.
Auch die anderen Jagdtiere erledigen wir souverän. Als der letzte der Räuber getroffen in den Tiefen der See versinkt, hebt sich das Wasser vor dem Bug des Schiffes und ein riesiger, blauschwarzer Rumpf offenbart sich uns. Der Zugrochen zeigt seine Dankbarkeit für seinen Schutz, indem er sich uns in seiner vollsten Pracht offenbart.

Den Rest der Fahrt bleiben wir unbehelligt. Sicher legen wir an der Küste an. Vor uns liegt ein Weg, der direkt in eine Stadt führt. Auffällig sind die weißen Kuppeln im Zentrum der Stadt.
“Haltet Euch an die Kuppeln”, rät der Dalan.
“Danke”, antworte ich. Der Dalan nickt, wendet sein Boot und entschwindet nach einer Weile aus meinem Sichtfeld.

Hier bin ich nun also. Ich nehme meine Karte heraus und versuche den Platz der Schafschlächter zu finden, doch immer wenn ich kurz hinter dem Hauptplatz abbiege, lande ich wieder auf der Hauptstraße vom Stadttor zum Zentrum. Beim ersten Mal glaube ich noch an einen seltsamen Zufall, ein mir fremdes magisches Phänomen, aber als ich auch bei meinem zweiten Versuch, zum Platz der Schafschlächter zu kommen, wieder zurück auf die Hauptstraße geworfen werde, komme ich doch auf die Idee, mich vielleicht nicht allein auf die Karte zu verlassen. 

Erst jetzt fällt mir das monumentale Bauwerk mit den weißen Kuppeldächern auf dem Hauptplatz auf. Die Eingangspforte wird von zwei riesigen, geflügelten Katzen gesäumt. Ich bin von Ehrfurcht überwältigt, als ich vor dem Bau stehe.
“Tritt ein”, befiehlt mir eine Stimme.
Ich folge. Selbst, wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich diesem Befehl nicht widersetzen können. Der Ort ist erfüllt von einer starken und mächtigen Präsenz. Ich gehe durch eine langgestreckten Vorraum.  Um mich herum bewegen sich Schatten, doch kaum dass ich versuche, etwas zu erkennen, sind sie auch schon wieder verschwunden. Auch wenn ich es nicht sehen kann, so spüre ich es ganz deutlich. Hier sind es die Katzen, die die Macht und die Kontrolle haben. 

Einige Meter vor mir erkenne ich einen Durchgang zu einem weiteren Raum. Meine Füße tragen mich unweigerlich darauf zu, aber ich habe das Gefühl, dass nicht ich es bin, der diese Schritte macht. Ich werde gesteuert oder doch zumindest sehr bestimmt geführt. Es ist nicht mein Wille, dem ich folge, denn eigentlich möchte ich jetzt überhaupt nicht hier sein. 

Ich betrete den Hauptraum. Auf einem Podest am Ende des Raumes steht eine Gestalt. Sie erscheint wie eine menschliche Frau, doch ihr Gesicht ist mit einer wächsernen Maske groben menschlichen Antlitzes bedeckt. Meine Schritte werden weiter auf sie zugelenkt. Halb freiwillig, halb gezwungen knie ich vor der Gestalt nieder und senke demutsvoll mein Haupt. Ich weiß nicht, viel lange sie mich in dieser unterwürfigen Position hat ausharren lassen – für mich war es eine gefühlte Ewigkeit – bis sie mir ohne zu sprechen gebietet, mein Haupt zu heben. Wortlos, aber dafür umso machtvoller gibt sie mir zu verstehen, dass meine Zeit als Ronin der Vergangenheit angehört. Sie hat entschieden. Ich bin von nun an ihr Samurai, ihr Schwert. Ich habe viele Fragen, doch ich bin nicht in der Lage sie zu stellen oder im Moment mich auch nur daran zu erinnern. Ich weiß nicht recht, was gerade mit mir geschieht und auch nicht, ob mir das gefällt.

Ich kann mich nicht erinnern, wie, aber irgendwann finde ich mich, anständig verwirrt und ziemlich ratlos, vor den Toren der Stadt wieder.
Ich nehme die Münze aus meinem Brustbeutel und lege sie mit der leichten Seite nach unten auf meine Hand.