Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

ピクマンに参殿 (Pikuman ni sanden) – Besuch bei Pickman

Meine Laune hat sich auch bis zum Lunch nicht gebessert. Im Gegenteil – meine Selbstzweifel und meine Selbstverachtung machen mir mehr zu schaffen, als noch am Morgen. Auch mein Appetit ist nicht der beste. Ich kriege kaum etwas herunter.

Henry meint sich zu erinnern sich, gehört zu haben, dass Mr. Pickman, als man ihn das letzte Mal sah, in Halifax gewesen sein soll. Er schlägt vor, den Versuch zu wagen, Pickman über da Bild “Dämmerung über Halifax” zu finden. Ein tiefes Unwohlsein umfängt mich bei dem Gedanken, wieder in eines dieser unheimlichen Bilder zu reisen. Am liebsten würde ich mich irgendwo einschließen, niemanden sehen und mit niemandem reden. Doch etwas in mir drängt mich, meiner Melancholie mit Taten zu begegnen. Ich weiß nicht, ob ich von Halifax zum Yuggoth kommen kann um meine Verpflichtungen gegenüber Dr. Krebs doch noch zu erfüllen, aber es ist besser, als gar nichts zu tun und mich meiner Trübsinnigkeit hinzugeben.

Das Bild zeigt den Blick auf einen Friedhof am Ufer des Meeres von der See aus. Im Hintergrund sind die Züge einer Stadt zu erkennen. Dem Titel des Bildes nach wird dies wohl Halifax sein. Auf dem Friedhof kauert ein Wesen, halb Mensch, halb Hund, dass sich an den sterblichen Überresten der Begrabenen gütlich tut. Im Hintergrund passiert eine Gruppe von Menschen die Szenerie. Ich reibe mir erstaunt die Augen. Ich glaube nicht, was ich da sehe. Es sind Mycroft und der Lord, in Begleitung zweier anderer, die ich aber nicht kenne. Ich scheine anzufangen, zu fantasieren. Verwunderlich ist das nicht in meinem Zustand. Ich bin innerlich zerrissen und eigentlich viel zu erschöpft, um klar denken zu können. Und ich vermisse meinen Shinyū. Kein Wunder, dass ich ihn zu sehen glaube, wo er gar nicht ist, aber auch bei einem zweiten Blick zeigt das Bild die gleiche Gruppe um Mycroft und den Lord. Halifax – dort waren sie, bevor ich 1918 zu ihnen gestoßen bin. Vielleicht hat Blakeley ihren Besuch dort in seinem Bild eingefangen? Neben den anderen ohnehin seltsam anmutenden Bilddetails, irritiert mich dieses am meisten.

Wieder stellen wir uns vor dem Bild auf. Dr. Nidelven verzichtet dieses Mal darauf, uns zu begleiten, dafür stellt sich Carla uns zur Seite.Wieder ausgerüstet mit Schutzroben und Älteren Zeichen – Henry trägt das Henkelkreuz bei sich – lassen wir uns von der physischen Ohnmacht einholen und in das Bild tragen. Wir finden uns auf dem Friedhof wieder. Mycroft, der Lord und ihre Begleiter regen sich nicht. Sie sind zwar plastisch erkennbar, aber doch nicht lebendig, sondern im Moment dieses Bildes eingefangen. Als wir den Friedhof verlassen und weiter in die Stadt vordringen, stoßen wir auf noch andere Personen, die ebenso völlig regungslos, wie im Moment eingefangen, auf den beleuchteten Straßen und Plätzen ausharren. Henry meint zu wissen, wo er Pickman findet. Er verlässt Innenstadt und wendet sich den Armenvierteln zu. Hier sind die Straßen nicht beleuchtet. Mir wird etwas mulmig, dennoch folge ich ihm tapfer.
“Henry, das ist eine Falle!”, versucht Mare uns zu warnen, aber Henry ist der festen Überzeugung zu wissen, wo Pickman ist. Aus irgendeinem Grund vertraue ich ihm.

Plötzlich fällt etwas unerwartet aus der Dunkelheit einer Seitengasse Carla an. Es ist ein solcher Hundsmensch, wie wir schon auf dem Friedhof einen gesehen hatten. Meine Furcht ist für einen Moment wie weggeblasen und mein Beschützerinstinkt übernimmt die Kontrolle. Mit reinem Körpereinsatz attackiere ich die Kreatur. Ich bin mir sicher, dass ich ihr den Garaus machen oder doch zumindest das Licht ausknipsen werde, doch dann trifft mein Schlag Carla. Sie wankt für einen Moment und entschwindet dann unserer Sicht. Auch das noch… Beschämt weiche ich zurück und suhle mich in Selbstzweifeln. Zum Glück habe ich sie nicht physisch getroffen, so dass sie – abgesehen von leichten Kopfschmerzen vielleicht – wohlauf in der Wachwelt sein sollte, wo er Lord und Dr. Nidelven sich ihrer annehmen werden. Henry hält der Kreatur geistesgegenwärtig das Henkelkreuz entgegen. Das zeigt Wirkung. Es weicht etwas zurück und spricht dann mit uns mit röchelnder Stimme.

“Ihr sucht Pickman?”, fragt es. Henry nickt zustimmend. “Geht zurück zum Friedhof”, krächzt das Wesen, “das hier ist kein Ort für euch.” Mit diesen Worten verschwindet es ebenso plötzlich in der Dunkelheit, wie es erschienen ist.

Wir folgen seinem Rat und kehren zurück zu unserem Ankunftspunkt in diesem Traum.
“Pickman!”, ruft Henry immer wieder, “Mr. Pickman, wo sind Sie?”

Ein anderer Hundsmensch kommt auf uns zu. “Ihr seid Henry?”, fragt er, “und Ihr wollt zu Pickman?” Beides bejaht Henry.
“Folgt mir”, röchelt die Kreatur und das tun wir.

Durch einen geöffneten Sarg führt ein Gang in die Tiefe. Er ist nur spärlich beleuchtet. Ich bin nervös, weil ich nicht sehen kann, was in der Dunkelheit lauert. Ich meine ein Schnuppern zu hören. Verunsichert greife ich nach Henrys Arm und klammere mich daran, wie ein verängstigtes Kind an seine Mutter.
“Ich habe Angst, Henry”, gestehe ich ihm. Er nimmt es mit Gelassenheit und geht mutig weiter. Nach einer Weile legt sich meine Furcht etwas und ich lasse Henry wieder los.

Wir gehen weiter in die Tiefe. In einer Höhle am Rande des Gangs sitzen mehrere dieser Hundsmenschen. Sie spielen mit Knochen und getrockneten Augen und geben dabei fiepsende und bellende Laute von sich. Nach einigen weiteren Metern passieren wir eine beleuchtete Höhle, von der man meinen könnte, sie sei ein Kunstmuseum. Bilder von großen Künstlern wie Leonardo Da Vinci oder Vincent van Gogh hängen hier an den Wänden. An diese Kunsthalle schließt eine weitere Höhle an.

“Pickman”, röchelt der Hundsmensch, “Pickman, du hast Besuch.”
Aus dem Halbdunkel der Höhle tritt ein weiterer Hundsmensch hervor. Er hält eine Farbpalette und Pinsel in seinen Händen.
“Was wollt ihr”, schnaubt er knurrend.
Henry ergreift das Wort.
“Sind Sie Mr. Pickman?”, fragt er.
“Ja, der bin ich”, knurrt der Hundsmensch.
“Es geht um Ihren Freund Nelson Blakely”, erklärt er gerade heraus.
“Nelson?”, fragt Pickman, “was ist mit ihm?”

Henry berichtet das, was uns bekannt ist, dass Blakely unserer Erkenntnis nach wahrscheinlich mit der Brut einer außerirdischen Enthität namens Ghadamon geimpft wurde.Pickman hört ihm aufmerksam zu.
Als Henry seine Ausführungen beendet, meint er nachdenklich: “Er ist zu weit gegangen, war zu neugierig.”
“Könnt ihr ihm helfen?”, fragt Henry aufgeregt.
“Nein”, antwortet er Hundsmensch, “aber ich kann euch Hinweise geben.”

Er schleicht zurück in Richtung seiner Höhle und bedeutet uns, ihm zu folgen.
“Möchten Sie vielleicht einen Tee”, fragt er höflich, nachdem wir seine Behausung betreten haben. Henry und Mare lehnen dankend ab. Ich hingegen halte es für unangemessen unhöflich, eine Einladung zum Tee auszuschlagen, doch als ich die schwarzbraune, blubbernde Brühe sehe und rieche, die Pickman in einem Kessel über dem Feuer warm hält  und die er “Tee” nennt, macht es mir plötzlich gar nichts mehr aus, unhöflich zu wirken.
“Das ist Tee?”, frage ich ungläubig.
“Das ist Tee”, antwortet Pickman.

Bevor er zum eigentlichen kommt, erzählt er uns, dass Blakely ihn gefunden hatte, um von ihm zu lernen. Blakely wollte die Geschichte eines großen Magiers malen, von dem er sehr fasziniert sei.
“Lord Carnarvon”, erklärt Pickman, “ihr kennt Lord Carnarvon, nicht wahr?”
“Ja, leider”, rutscht es mir heraus.
Henry sieht mich etwas irritiert an, dann aber zeichnet sich ein subtiles, verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht ab.

“Wie gesagt”, fährt Pickman fort, “ich kann Nelson nicht direkt helfen, aber ich kann euch den Weg zu einer bösen Frau zeigen. Ihr würdet sie eine Hexe nennen. Sie wohnt auf einem Friedhof und dort schläft sie. In ihrem Grab hat sie ein Buch. Das Buch Eibon. Darin findet ihr ein Bannritual und noch einige andere interessante Dinge.
Ghadamon, so heißt es in der Prophezeihung, wird eines Tages in die Welt kommen und mit seinem Halbbruder, dem großen Cthulhu, zu herrschen. Er liegt auf dem Grund des sterilen Sees, östlich des magischen Pilzwaldes, in den Traumlanden.
Folgt mir. Ich zeige euch einen Gang, der euch direkt zum Friedhof bringt, auf dem die böse Frau wohnt.”

Hinter einer Tür, die Pickman für uns öffnet, führt ein neuer Gang weiter in die Tiefe. Wir folgen ihm und nach einigen ereignislosen Minuten treten wir aus dem Gang heraus und befinden uns auf einem Friedhof. Wir stehen in silbernem Nebel. Grabsteine aus schwarzem Gestein, verziert mit seltsamen Symbolen, die aus unbekannten Metallen in den Stein eingelassen wurden, säumen unseren Weg. In etwa 800 Metern Entfernung erhebt sich auf einem Hügel ein Mausoleum aus eben dem gleichen Gestein, aus dem auch die Grabsteine sind. Das wird die Gruft der bösen Zauberin sein. Mir schaudert. Ohne es zu merken, habe ich Henrys Hand ergriffen. Nun, da es mir auffällt, lasse ich sie peinlich berührt wieder fahren.

“Erzähl das keinem weiter”, bitte ich ihn, “du auch nicht”, wende ich mich an Mare. Mare nickt zustimmend.
“Ich schweige wie ein Grab” sichert Henry mir zu. Die Metapher wirkt angesichts des Ortes, an dem wir uns gerade befinden, irgendwie grotesk.

Wir bewegen uns auf die Gruft zu. Aus einem Spalt der Tür scheint flackerndes Licht. Ein Schatten erschreckt mich. Als wir die Grabstätte der Zauberin erreicht haben, wirft Henry als erster einen Blick durch den Spalt der Tür. Die Gruft ist mit Kerzen beleuchtet. Der Sarg ist aus schwarzem Stein und wird von einem kristallenen Deckel bedeckt. Hinter dem Sarg steht ein Regal, in dem Kerzen, Knochen und ein häufig benutztes Buch aufgebaut sind. Ringsum ist die Gruft von einem Sims auf der Höhe von etwa einem Meter gesäumt.
Der Türspalt ist selbst für Mare zu schmal, um hindurch zu gelangen.

“Wenn wir die Tür öffnen, erwacht vielleicht die Hexe”, gibt Henry zu Bedenken, doch wir sehen keinen anderen Weg, an das Buch Eibon zu kommen. Mit vereinten Kräften schieben wir die schwere Tür, um sie zu öffnen. Ein Geräusch von Glas, das auf Glas kratzt, hallt markerschütternd über den Friedhof, doch die Hexe verharrt weiter schlafend. Henry hilft Mare, auf den Sims zu klettern. Der Boden ist womöglich mit Fallen gespickt, um Eindringlinge wie uns davon abzuhalten, das Buch zu stehlen. Kaum, dass Mare den ersten Schritt getan hat, knackt es verdächtig. Der kristallene Sargdeckel bekommt Risse. Mare gibt ihr Bestes, doch als der Sargdeckel mit einem Lauten Klirren zerspringt und die böse Zauberin sich aus ihm erhebt, verliert sie das Gleichgewicht und rutscht vom Sims.

Aus dem Sarg erhebt sich eine Schreckensgestalt. Wir haben die Hexe geweckt. Ihr vertrockneter Leib schwebt in einen Gewand aus schwarzen Fetzen mit einem Kragen aus blanken Knochen bedrohlich über uns.
“Was wollt ihr”, faucht sie erzürnt.
“Euer Buch”, antwortet Henry. Wo nimmt er nur diese Gelassenheit her?

Ein boshaftes Grollen entweicht der Hexe. Sie hebt ihre Arme furchteinflössend in die Höhe.
“Erhebt euch, meine Freunde”, ruft sie über den Friedhof. Ein heftiger Luftzug lässt mit einem Schlag alle Kerzen erlöschen. In der Dunkelheit registriere ich, wie sich die Gräber öffnen und wie sich schattenhafte Gliedmaßen aus ihnen emporheben. Etwas greift nach mir. Ich kann nichts erkennen, es ist zu dunkel, doch ich setze mich zur Wehr und schlage blind in die Finsternis zurück, ohne Erfolg. Im nächsten Moment spüre ich, dass etwas mein Bein gepackt hat und mich in die Höhe hebt. Ich werde panisch. Wie komme ich hier nur wieder raus. Dann höre ich Mare. “Wach, wach”, ruft sie. Ja richtig. Ich hatte völlig vergessen, dass ich träume und dass ich einfach aufwachen kann.

Im nächsten Moment finde ich mich völlig erschöpft in der Bibliothek von Halton House wieder. Mare hält das Buch im Arm. Ich spüre noch immer den Griff an meinem Bein. Als ich nachschaue, erkenne ich, dass die Stelle, an der ich im Traum ergriffen wurde, eine dunkle Verfärbung in Form eines Handabdrucks auf meiner Haut aufweist.

‘Ich werde euch holen’, faucht eine Stimme in meinem Kopf. Es ist nicht Dr. Krebs. Ich bin beunruhigt.

Mary-Ann ist verschwunden, aber im Moment nimmt niemand so recht Notiz davon. Carla stürzt sich direkt auf das Buch, umringt vom Lord, von Mare und Dr. Nidelven, die ihrer Begeisterung für das Buch kaum Einhalt gebieten können. Immer wieder müssen sie sie daran erinnern, dass wir nach einem bestimmten Zauber suchen und sie ermahnen, sich nicht von den anderen, durchaus auch nicht uninteressanten Kapiteln ablenken zu lassen. Nur Henry leistet mir noch Gesellschaft. Ich bin sehr dankbar dafür. Schweigend reicht er mir einen Gin. Ich höre Mare und den Lord streiten, keine Ahnung, warum. Es interessiert mich auch nicht. Ich will einfach nur meine Ruhe.

Zu allem Überfluss meldet sich nun auch noch der Mi-Go in meinem Kopf zurück.
‘Wie geht es euch’, fragt er scheinbar besorgt, doch ich weigere mich, ihm weiter mein Vertrauen zu schenken.
‘Warum fragt ihr’, gebe ich widerwillig zurück, ‘ihr seht es doch.’
‘In der Tat’, erwidert der Mi-Go überheblich, ‘ich wollte euch auch nur darüber in Kenntnis setzen, das ich bereits andere Pläne eingeleitet habe.’
‘Das heißt, ich stehe weiterhin in eurer Schuld.’
‘So ist es’, bestätigt er.
‘Gut, ich habe es zur Kenntnis genommen’, erwidere ich, ‘und jetzt lasst mich bitte in Ruhe.’
Der Mi-Go kichert hämisch.
‘Ihr werdet noch nach mir rufen’, stichelt er.
Ich fürchte, er könnte damit Recht haben.

Ich versuche, meine Selbstzweifel und meine Ver(w)irrung mit einem weiteren Glas Gin zu betäuben. Ich bin körperlich völlig erschöpft, aber mein Geist und diejenigen, die darin herumspuken, lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Selbst am späteren Abend – es geht schon deutlich auf Mitternacht zu – legen sich meine Sorgen nicht. Immer, wenn ich versuche, zu entspannen und die Augen schließe, erscheint die böse Zauberin mit ihrem Knochenkragen, in ihrem schwarzen Fetzengewand vor meinem inneren Augen. Ich suche Dr. Nidelven, um sie um ein paar Beruhigungsmittel zu bitte, damit ich wenigstens die Nacht einigermaßen überstehen kann, aber sie ist nicht ansprechbar. Mary-Ann, die zwischenzeitlich wohl wieder aufgetaucht ist oder eingefangen wurde, möchte ich lieber nicht fragen. Wer weiß, welche Medikamente sie mir in ihrem nicht minder verwirrtem Dauerzustand verabreicht. Es ist gut möglich, dass dadurch alles nur noch schlimmer wird.

Ich bin überaus dankbar, als Henry mir anbietet, die Nacht in meinem Zimmer zu verbringen und auf mich zu achten, falls etwas passiert.